Das Social-Media-Team des Weißen Hauses hat erneut für Empörung gesorgt: In einem am 12. März auf dem offiziellen X-Account veröffentlichten Video werden Spielszenen aus Nintendos Wii Sports mit echtem Militärmaterial aus der „Operation Epic Fury“ im Iran vermischt. Das 52 Sekunden lange Video wurde mit der Bildunterschrift „UNDEFEATED“ gepostet und hat innerhalb weniger Stunden über 3,1 Millionen Aufrufe generiert.
Wii Sports trifft auf Drohnenaufnahmen
Das Video beginnt mit einer nachgebauten Version des ikonischen Wii-Menüs, in dem statt „Wii Sports“ der Titel „Operation Epic Fury“ in der bekannten Schriftart des Spiels eingeblendet wird. Was folgt, ist ein Zusammenschnitt aus verschiedenen Sportarten der Wii-Sports-Reihe – darunter Golf, Bowling, Tennis, Baseball, Boxen und Bogenschießen – durchsetzt mit realen Schwarz-Weiß-Aufnahmen von Militärschlägen im Iran.
Die Schnitte zwischen Gameplay und echtem Kriegsmaterial sind dabei gezielt auf den Moment des Aufpralls in den jeweiligen Sportarten getimed: Nach einem „Hole in One“ beim Golf folgt eine reale Explosion, ein Baseball-Treffer wird nahtlos mit einer Detonation verknüpft, und beim Bowling erscheint die typische „Strike“-Einblendung über zusammenstürzenden Gebäuden. Neben dem Original-Wii-Sports wurden offenbar auch Szenen aus Wii Sports Resort verwendet, insbesondere die Luftkampf-Mechanik der Kategorie „Air Sports“.
Zusätzlich veröffentlichte das Weiße Haus ein separates Bowling-Video, in dem KI-generierte, bewaffnete Bowling-Pins ein Schild mit der Aufschrift „We won't stop making nuclear weapons“ halten. Über der Bowlingbahn prangt der Text „Iranian Regime Officials“, bevor eine rot-weiß-blaue Kugel sie umwirft – untermalt von einem Lynyrd-Skynyrd-Remix.
UNDEFEATED. pic.twitter.com/Jt69bcag5y
— The White House (@WhiteHouse) March 12, 2026
Systematischer Einsatz von Videospiel-Material
Das Wii-Sports-Video ist keineswegs ein Einzelfall. Die Trump-Administration hat in den vergangenen Wochen wiederholt Gaming-Inhalte für ihre Social-Media-Strategie rund um den Iran-Konflikt eingesetzt:
Am 4. März wurde ein Mashup aus Call of Duty: Modern Warfare 3 und echten Militäraufnahmen auf X veröffentlicht, untermalt von Childish Gambinos Song „Bonfire“. Das Video wurde mittlerweile entfernt. Zwei Tage später folgte ein Clip mit Grand Theft Auto: San Andreas – komplett mit dem Theme-Song des Spiels und der ikonischen „Wasted“-Animation bei jeder Explosion.
Weitere Videos nutzten Referenzen aus Mortal Kombat, Halo, SpongeBob SquarePants sowie Filmausschnitte aus Braveheart, Top Gun und zahlreichen Superhelden-Filmen. Ein früheres Video verknüpfte den „Flawless Victory“-Soundeffekt aus Mortal Kombat direkt mit Kampfaufnahmen.
Auch andere Regierungsmitglieder setzen auf Gaming-Memes
Das Social-Media-Team des Weißen Hauses ist nicht das einzige Regierungsorgan, das auf Videospiel-Ästhetik setzt. Am 9. März veröffentlichte Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr. auf X ein Video, in dem er als Kämpfer in einer Super Smash Bros. Melee-Parodie auftritt. Im Clip kämpft eine RFK-Spielfigur gegen einen sprechenden Donut und besiegt ihn, indem er die Ernährungspyramide umdreht – eine Anspielung auf seine „Make America Healthy Again“-Kampagne. Der Hintergrund des Videos stammt dabei direkt aus einer klassischen Stage des Spiels, die auf Nintendos JRPG EarthBound basiert.
Pokémon-Franchise besonders häufig im Visier
Vor dem Wii-Sports-Clip hatte das Weiße Haus bereits ein Meme mit Pokémon Pokopia geteilt – dem neuen Nintendo-Titel, der am 5. März erschien. Das Bild nutzte den beliebten Pokopia-Textgenerator, um den Slogan „Make America Great Again“ in der Schriftart des Spiels darzustellen.
The Pokémon Company International reagierte umgehend mit einem offiziellen Statement. Sprecherin Sravanthi Dev erklärte gegenüber der New York Times, dass das Unternehmen weder an der Erstellung noch an der Verbreitung des Inhalts beteiligt war und keine Genehmigung zur Nutzung seines geistigen Eigentums erteilt habe. Die Mission des Unternehmens sei es, die Welt zusammenzubringen – eine Mission, die nicht mit einer politischen Agenda verbunden sei.
Bereits im September 2025 hatte das Department of Homeland Security ein Rekrutierungsvideo für ICE-Agenten veröffentlicht, das mit dem Pokémon-Titelsong „Gotta Catch ‚Em All“ unterlegt war und Verhaftungen mit Pokémon-Fangszenen verglich. Auch damals distanzierte sich The Pokémon Company deutlich. Das Video erzielte allerdings über 1,9 Millionen Likes – ein Hinweis darauf, dass die Strategie bei der MAGA-Wählerschaft durchaus Anklang findet.
Prominente Kritik aus Politik und Unterhaltungsbranche
Die Reaktionen auf die Videospiel-Propaganda fielen überwiegend negativ aus. Besonders scharf äußerte sich die demokratische Senatorin Tammy Duckworth, eine Irak-Kriegsveteranin, die selbst im Kampfeinsatz verwundet wurde. Auf X schrieb sie sinngemäß, dass Krieg kein verdammtes Videospiel sei, dass bereits sechs Amerikaner tot seien und Tausende weitere unnötig in Gefahr gebracht würden.
Schauspieler Ben Stiller und Steve Downes, die Stimme von Master Chief in der Halo-Reihe, forderten die Entfernung ihrer Bilder aus Regierungsvideos. Stiller erklärte, er habe kein Interesse daran, Teil einer Propagandamaschinerie zu sein. Kardinal Blase J. Cupich, Erzbischof von Chicago, verurteilte die Videos dafür, das Leid der iranischen Bevölkerung als Kulisse für Unterhaltung zu missbrauchen.
Zwei ehemalige hochrangige US-Militäroffizielle zeigten sich gegenüber NBC News empört und bezeichneten die Videos als respektlos gegenüber allen Beteiligten – auch gegenüber den Iranern. Wer auch immer die Videos erstelle, halte offenbar alles für einen Witz, so einer der Offiziere.
White-House-Sprecherin Anna Kelly verteidigte die Strategie hingegen und erklärte, die Administration werde weiterhin die Erfolge des US-Militärs präsentieren.
Nintendo verklagt zeitgleich die US-Regierung
Pikante Randnotiz: Während das Weiße Haus fröhlich Nintendo-Material für seine Kriegspropaganda nutzt, steht der japanische Gaming-Konzern mit der US-Regierung vor Gericht. Am 6. März 2026 reichte Nintendo of America eine Klage beim U.S. Court of International Trade ein und fordert die Rückerstattung aller Zölle, die unter Trumps IEEPA-Verordnungen gezahlt wurden – inklusive Zinsen.
Hintergrund: Der Supreme Court hatte am 20. Februar 2026 die auf Basis des IEEPA verhängten Zölle für rechtswidrig erklärt. Nintendo gehört damit zu über 1.000 Unternehmen – darunter auch Costco, FedEx und Lenovo – die Rückerstattungen fordern. Laut Nintendos Klageschrift wurden seit Februar 2025 mehr als 200 Milliarden Dollar an Zöllen auf Importe aus nahezu allen Ländern erhoben.
Die Zölle hatten Nintendo besonders hart getroffen: Die Vorbestellungen für die Nintendo Switch 2 mussten verschoben werden, und die Preise für Zubehör stiegen deutlich. Ob Nintendo auch auf die unautorisierte Nutzung seines geistigen Eigentums durch das Weiße Haus reagieren wird, bleibt abzuwarten. Bislang hat sich das Unternehmen zum Wii-Sports-Video nicht geäußert, obwohl Gaming-Seiten wie Nintendo Everything bereits Anfragen gestellt haben.
Ein neues Kapitel in der politischen Kommunikation
Die Vermischung von Gaming-Nostalgie mit echtem Kriegsmaterial markiert einen beispiellosen Trend in der politischen Kommunikation. Ob die Strategie der Regierung langfristig Unterstützung für die „Operation Epic Fury“ generiert oder weiteren Schaden anrichtet, bleibt offen. Fest steht: Die Gaming-Branche wird zunehmend unfreiwillig zum Werkzeug politischer Propaganda – und die betroffenen Unternehmen wehren sich bislang nur mit Statements, nicht mit Klagen.
Bisher sind im Iran-Konflikt mindestens sieben US-Soldaten getötet und über 140 verletzt worden. Auch mehr als 20 iranische Offizielle kamen ums Leben, darunter Ayatollah Ali Khamenei. Die Videos des Weißen Hauses erschienen nur einen Tag, bevor Präsident Trump an der feierlichen Überführung gefallener Soldaten in Kuwait teilnahm.
