Treyarch verliert seinen Studiochef: Mark Gordon geht nach 22 Jahren

Es ist ein Einschnitt, der bei jedem anderen Studio eine Randnotiz wäre – im aktuellen Klima rund um Xbox aber alles andere als das: Mark Gordon, langjähriger Studiochef von Treyarch, hat seinen Rücktritt erklärt. Nach rund 22 Jahren beim Call of Duty-Entwickler zieht sich Gordon zurück, um sich nach eigenen Worten „auf das nächste Kapitel“ seines Lebens zu konzentrieren. Treyarch verkündete den Abschied am Montag, dem 15. Juni 2026, in einem offiziellen Statement auf Social Media.

Gordon zählt zu den prägendsten Figuren der Reihe. Er stieß im Mai 2005 als Chief Technology Officer zu Treyarch und übernahm im November 2016 die Leitung des Studios – die Position, die er nun nach knapp zehn Jahren abgibt. Sein Wirken umspannt einige der größten Titel der Marke: von Call of Duty 2: Big Red One über Call of Duty 3 und World at War bis hin zur kompletten Black-Ops-Serie, die zuletzt mit Black Ops 7 ihren vorerst letzten Eintrag bekam.

Zwei Nachfolger statt einer: Hendrickson und Miller übernehmen

An Gordons Stelle treten gleich zwei Führungskräfte: Kevin Hendrickson und Yale Miller übernehmen das Studio künftig gemeinsam als Co-Studio-Heads. Beide sind langjährige Veteranen der Reihe und bringen laut Treyarch „jahrzehntelange Entwicklungs- und Führungserfahrung“ mit. In seinem Abschiedsschreiben dankte das Studio Gordon ausdrücklich für seine „ruhige Hand“ und seinen tiefen Einsatz für die Kultur des Hauses.

Ein Hinweis am Rande, der gern übersehen wird: Treyarch ist kein reines Call of Duty-Studio gewesen. Gegründet 1996, werkelte das Team in den ersten Jahren an ganz anderen Projekten – darunter Spider-Man-Titel, NHL-Spiele und Skateboarding-Games. Erst 2005 wechselte das Studio dauerhaft zu Call of Duty, nachdem es ursprünglich die Konsolenfassung von Big Red One portiert hatte, während Infinity Ward die PC-Version verantwortete.

Der wahre Kontext: Microsofts großer „Xbox-Reset“

Für sich genommen wäre ein Rücktritt nach 22 Jahren nichts Ungewöhnliches. Brisant wird er erst durch das Timing. Gordons Abgang fällt mitten in eine der turbulentesten Phasen, die Microsofts Gaming-Sparte je erlebt hat.

Seit Februar 2026 steht mit Asha Sharma eine neue CEO an der Spitze von Microsoft Gaming. Sie folgte auf Phil Spencer, der sich nach Jahrzehnten bei Microsoft zurückzog; auch Xbox-Präsidentin Sarah Bond verließ das Unternehmen, während Matt Booty zum Chief Content Officer aufstieg. Am 11. Juni kündigte Sharma einen umfassenden „Reset“ des Xbox-Geschäfts an – begründet mit einem Umsatzrückgang von fast einer halben Milliarde Dollar über fünf Jahre und um das Vierfache gestiegenen Hardwarekosten.

Was als nüchterne Management-Sprache begann, hat inzwischen handfeste Konsequenzen. Am selben Tag wie Gordons Abschied verließ auch Craig Duncan, Chef der Xbox Game Studios, das Unternehmen – nach nur rund 20 Monaten im Amt und insgesamt 15 Jahren bei Microsoft, davon fast 14 an der Spitze von Rare. Mit ihm geht Chief of Staff Louise O'Connor, eine Rare-Veteranin seit 1999. Die Xbox Game Studios berichten bis auf Weiteres an Matt Booty.

Entlassungen und Studio-Aus drohen

Laut einem Bericht von Bloomberg plant Xbox erhebliche Stellenstreichungen, die kurz nach dem Ende des Microsoft-Geschäftsjahres am 30. Juni 2026 erwartet werden. Auch Marketing- und andere Budgets sollen deutlich gekürzt werden. Mehrere kleinere Teams stehen Berichten zufolge sogar vor der Schließung:

Studio Bekannt für Aktuelle Lage (Stand: Juni 2026)
Compulsion Games South of Midnight, We Happy Few Schließung im Raum; in Verhandlungen über Abspaltung – trotz Peabody Award und BAFTA für South of Midnight
Double Fine Psychonauts, Brütal Legend Verhandelt mit Microsoft über einen Rückkauf der Eigenständigkeit
Ninja Theory Hellblade-Reihe Soll laut The Verge geschlossen werden, sofern sich kein Käufer findet – erst kürzlich wurde „Senua“ angekündigt

Besonders bitter ist die Lage bei Ninja Theory: Das Team aus Cambridge hatte erst wenige Tage zuvor auf dem Xbox Games Showcase mit Senua den nächsten Teil seiner Hellblade-Reihe vorgestellt – ein Spiel, das Fans nun womöglich nie zu Gesicht bekommen. Compulsion wiederum wurde im April noch für South of Midnight mit einem Peabody Award und einem BAFTA ausgezeichnet, ehe nur zwei Monate später Berichte über das mögliche Aus auftauchten.

Die Streichungen reihen sich in einen düsteren Branchentrend ein. Seit Anfang 2023 haben große Publisher wie Microsoft, Sony und Electronic Arts zusammen mehr als 20.000 Stellen abgebaut. Microsoft selbst trennte sich im Sommer 2025 von rund 9.000 Mitarbeitenden, was unter anderem das Aus für den Perfect Dark-Reboot und Rares Everwild bedeutete.

Steht sogar Xbox als Ganzes zur Disposition?

Über die einzelnen Studios hinaus reicht die Unsicherheit bis an die Spitze: Berichten zufolge schließt Microsoft eine Abspaltung oder einen Verkauf des gesamten Xbox-Geschäfts nicht aus. Konzernchef Satya Nadella betonte zuletzt mehrfach, Xbox müsse zu einem „nachhaltigen Geschäft“ werden. Parallel soll Microsoft die Entwicklung kommender Schwergewichte wie dem nächsten Halo und Fallout beschleunigen wollen.

Was bedeutet das für Treyarch und Call of Duty?

Offiziell wurde kein Zusammenhang zwischen Gordons Rücktritt und dem Xbox-Umbau hergestellt – Treyarch spricht ausdrücklich von einem persönlichen Schritt in den Ruhestand. Dennoch dürften sich viele Fans fragen, ob hinter den Kulissen mehr in Bewegung ist, zumal Black Ops 7 bei der Community zuletzt durchwachsen ankam. Selbst ein schwächeres Call of Duty-Jahr bedeutet allerdings noch immer, dass die Reihe zu den meistgespielten Titeln auf Konsole und PC zählt.

Für Treyarch beginnt nun eine neue Ära unter doppelter Führung – ausgerechnet in einem Moment, in dem die gesamte Xbox-Familie auf wackligem Fundament steht. Wie viel Stabilität Hendrickson und Miller dem Studio geben können, wird sich in den kommenden Monaten zeigen, wenn aus den angekündigten „Resets“ konkrete Entscheidungen werden.

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