Ex-Arkane-Entwickler Julien Eveillé wendet sich direkt an die Pile-of-Shame-Besitzer seines preisgekrönten Psycho-Horrors – und enthüllt dabei eine einzigartige Spielmechanik mit gesellschaftskritischer Botschaft.
Ein bekanntes Phänomen plagt die Steam-Bibliotheken weltweit: Gekauft, aber nie gespielt. Während sich die meisten Entwickler stillschweigend mit dieser Realität abfinden, hat Julien Eveillé einen ungewöhnlichen Weg gewählt. Der ehemalige Arkane-Entwickler wandte sich Ende Juli direkt an die rund 10.000 Besitzer seines Horror-Games Threshold, die das Spiel noch nie gestartet haben – mit einem überraschenden Grund.
Das Pile-of-Shame-Phänomen in Zahlen
Die Gaming-Industrie kennt das Problem nur zu gut: Completion-Raten sind notorisch niedrig. Bei Elden Ring erreichten beispielsweise 24 Prozent der Steam-Spieler niemals die Tafelrundfeste – den zentralen Hub des Spiels. Doch während unvollendete Spiele oft auf Schwierigkeitsgrad oder mangelndes Interesse zurückzuführen sind, stellt die Gruppe der Nie-Starter eine besondere Kategorie dar.
Threshold, Eveillés psychologisches Horror-Spiel, erzählt die Geschichte eines Bahnhofswärters in den Bergen, dessen Aufgabe es ist, Züge mit einer Pfeife pünktlich zu halten. Doch die dünne Bergluft und die Isolation fordern ihren Tribut, und die Realität beginnt zu verschwimmen. Trotz „sehr positiver“ Steam-Bewertungen und Kritikerlob als „eines der nachdenklichsten und verstörendsten Spiele des Jahres“ haben etwa 10.000 Käufer das Spiel noch nie gestartet.
Eine versteckte Mechanik mit Tiefgang
„Ich schätze die Unterstützung, aber: Spielt es auch!“, postete Eveillé auf Social Media. Sein Appell hatte einen spezifischen Grund: Er wollte, dass Spieler die einzigartige Schwierigkeitsmechanik des Spiels erleben, die er bewusst geheim gehalten hatte.
Die Enthüllung ist bemerkenswert: Thresholds Schwierigkeitsgrad variiert je nach Herkunftsland des Spielers. Der Grund dafür ist ebenso simpel wie erschütternd – das Spiel berücksichtigt die Anzahl der täglich in jedem Land getöteten Tiere für die Nahrungsmittelproduktion. Spieler aus den USA oder China erleben ein deutlich schwierigeres Finale als jene aus Indien, da in ihren Ländern mehr Tiere geschlachtet werden.
Millionen fallender Kreaturen als Spiegel der Gesellschaft
„Allein in Frankreich werden täglich 3 Millionen Tiere getötet“, erklärt Eveillé, der selbst kein Veganer ist. Die Spielmechanik sieht er als Chance, Spieler mit einer harten Realität zu konfrontieren: Die Anzahl der im spektakulären Finale vom Himmel fallenden Tiere entspricht den während der Spielzeit im gewählten Land geschlachteten Tieren. Bei einer Stunde Spielzeit können das Millionen sein.
Diese gesellschaftskritische Mechanik wurde von einigen Spielern selbstständig entdeckt, was Eveillé besonders freut. „Ich wollte die Dinge geheim halten, um coole Überraschungen im Spiel zu bewahren“, reflektiert er. „Das war wahrscheinlich nicht der klügste Marketing-Schachzug, aber das ist mir egal – ich hatte sowieso nicht mit diesem Erfolg gerechnet.“
Gelassener Umgang mit der Steam-Realität
Auf direkte Nachfrage zeigt sich Eveillé erstaunlich gelassen über die hohe Zahl ungestarteter Spiele: „Ich habe selbst die Hälfte meiner Steam-Bibliothek nicht gespielt, also ist das nur fair!“ Nach seinem Aufruf verzeichnete er für etwa zwei Tage einen leichten Anstieg der Spielerzahlen – etwa zehn Personen mehr als üblich – wobei unklar bleibt, ob dies direkt auf seinen Post zurückzuführen ist.
„Man hat nur ein sehr kurzes Zeitfenster, um sein Spiel hervorzuheben“, philosophiert der Entwickler. „Mehrere Monate nach Release wird die Aufmerksamkeit für ein spezifisches Singleplayer-Spiel unweigerlich schwinden, egal was passiert oder darüber gesagt wird.“
Eveillés unkonventioneller Ansatz wirft ein Schlaglicht auf die Paradoxien der digitalen Spielesammlung: Unterstützung durch Kauf ist wichtig, doch die eigentliche Erfahrung – besonders bei einem Spiel mit solch durchdachter Botschaft – bleibt oft unentdeckt. Threshold steht damit exemplarisch für unzählige Indie-Perlen, die in den Tiefen ungespielter Steam-Bibliotheken auf ihre Entdeckung warten.