Square Enix: Über 100 Jobs gestrichen – KI ersetzt Mitarbeiter

Die japanische Gaming-Größe Square Enix hat am Donnerstag eine weitreichende Restrukturierung ihrer westlichen Niederlassungen angekündigt. Über 100 Mitarbeiter in den USA und Großbritannien müssen ihren Arbeitsplatz räumen – ein weiterer Schritt in der systematischen Rückverlagerung aller Entwicklungsaktivitäten nach Japan.

Drastische Umstrukturierung trifft westliche Standorte

Square Enix, bekannt für legendäre Franchises wie Final Fantasy, Kingdom Hearts und Dragon Quest, vollzieht einen radikalen Kurswechsel. In einer Videokonferenz informierte Präsident Takashi Kiryu die Mitarbeiter außerhalb Japans über die „grundlegende Umstrukturierung der Auslandspublishing-Organisation“. Die Maßnahmen betreffen nahezu alle Bereiche der westlichen Niederlassungen.

Konkret sind bis zu 140 Mitarbeiter allein im Londoner Büro von den Entlassungen bedroht. Die genaue Anzahl der betroffenen US-Angestellten wurde nicht kommuniziert. Nach britischem Arbeitsrecht müssen die gefährdeten Positionen zunächst eine Konsultationsphase durchlaufen, bevor die Kündigungen final werden.

Die Kürzungen erstrecken sich über zahlreiche Abteilungen: IT, Marketing, Publishing, Sales, Quality Assurance und Business Planning sind gleichermaßen betroffen. Besonders hart trifft es das gesamte Square Enix Europe Collective-Team, die Abteilungen für externe Studio-Entwicklung, Brand Marketing sowie die Kommunikationsabteilung für japanische Inhalte.

Finanzielle Kennzahlen offenbaren Probleme

Die Entlassungen erfolgen vor dem Hintergrund enttäuschender Geschäftszahlen. Für das erste Halbjahr des Geschäftsjahres 2025 (April bis September) meldete Square Enix einen Umsatzrückgang von 15 Prozent auf 133,9 Milliarden Yen (etwa 875 Millionen US-Dollar). Der Nettogewinn sank um 14,5 Prozent auf 10,05 Milliarden Yen (66 Millionen US-Dollar).

Trotz dieser Rückgänge konnte das Unternehmen sein operatives Ergebnis um 28,8 Prozent auf 27,3 Milliarden Yen steigern – hauptsächlich durch Kostensenkungen. Der HD-Games-Bereich, der Konsolen- und PC-Spiele umfasst, kehrte nach Verlusten im Vorjahreszeitraum wieder in die Gewinnzone zurück, allerdings bei weiter sinkenden Umsätzen.

Durch die Restrukturierung erhofft sich Square Enix jährliche Kosteneinsparungen von über 3 Milliarden Yen (19,6 Millionen US-Dollar). Die Publishing-Organisation für HD-Games wird von 11 auf 4 Divisionen reduziert.

Rückverlagerung nach Japan im Fokus

Die strategische Neuausrichtung ist eindeutig: Square Enix konzentriert alle Entwicklungsaktivitäten künftig in Japan. In einem internen Memo heißt es klar: „Es wurde die Entscheidung getroffen, ausländische Entwicklungsstudios zu schließen und die Entwicklungsfunktionen in Japan zu konsolidieren.“

Das Management begründet die Maßnahmen mit dem Ziel, „die globalen Publishing-Fähigkeiten weiter zu stärken und die operative Effizienz zu verbessern“. Die Führung um Präsident Kiryu strebt eine „schlankere“ und „agilere“ Organisation an.

Dieser Schritt markiert das vorläufige Ende einer jahrelangen westlichen Präsenz. Bereits 2022 hatte Square Enix die Studios Crystal Dynamics (Tomb Raider), Eidos Montreal (Deus Ex) und Square Enix Montreal für nur 300 Millionen US-Dollar an die Embracer Group verkauft – ein erstaunlich niedriger Preis, der schon damals Fragen aufwarf.

Kontroverse KI-Pläne verschärfen die Kritik

Besonders brisant: Am selben Tag der Entlassungs-Ankündigung präsentierte Square Enix seine ambitionierten KI-Pläne. Bis Ende 2027 sollen 70 Prozent aller Quality-Assurance- und Debugging-Aufgaben durch generative künstliche Intelligenz automatisiert werden. Ziel sei es, „die Effizienz der QA-Operationen zu verbessern und einen Wettbewerbsvorteil in der Spieleentwicklung zu etablieren“.

Die zeitliche Koinzidenz der beiden Ankündigungen stieß in der Gaming-Community auf heftige Kritik. „Am selben Tag, an dem sie die KI-Nutzung für QA verkünden, Entlassungen durchzuführen, ist kein gutes Signal“, kommentierte ein betroffener Entwickler in sozialen Medien. Square Enix betont zwar, dass die Entlassungen nicht direkt mit den KI-Plänen zusammenhängen, doch viele sehen einen klaren Zusammenhang.

Eine Umfrage des japanischen Branchenverbands CESA vom September 2025 ergab, dass bereits 51 Prozent von 54 befragten Gaming-Unternehmen generative KI für Artwork, Story-Konzepte und Programmierung einsetzen. Square Enix will offenbar eine Vorreiterrolle einnehmen.

Bereits die zweite Entlassungswelle innerhalb eines Jahres

Die aktuellen Kürzungen sind nicht die ersten ihrer Art. Bereits 2024 hatte Square Enix Entlassungen in den westlichen Teams vorgenommen. Präsident Kiryu räumte in der jüngsten Videokonferenz ein, dass die Umstrukturierung des Vorjahres „nicht funktioniert“ habe – eine bemerkenswerte Aussage, die Fragen zur strategischen Weitsicht des Managements aufwirft.

Die betroffenen Mitarbeiter reagieren unterschiedlich. Mehrere ehemalige Angestellte bestätigten ihre Kündigung in sozialen Medien. Ein Mitarbeiter gab an, sich gezielt für das Äußern interner Unzufriedenheit ins Visier genommen zu fühlen. Die verbliebenen Teams müssen künftig mehr Zeit im Büro verbringen – ein weiterer unpopulärer Schritt in Zeiten flexibler Arbeitsmodelle.

Square Enix betonte in einer offiziellen Stellungnahme: „Wir sprechen den talentierten Teammitgliedern, die das Unternehmen verlassen werden, unseren herzlichen Dank für ihre bedeutenden Beiträge aus. Wir verpflichten uns, jeden Einzelnen mit größtem Respekt zu behandeln und während dieser Übergangsphase umfassende Unterstützung zu bieten.“

Teil eines branchenweiten Trends

Die Entlassungen bei Square Enix reihen sich ein in eine Serie von Jobkürzungen in der Gaming-Industrie 2025. Microsoft führte Anfang des Jahres umfangreiche Entlassungen durch, Amazon schloss kürzlich die Entwicklung des geplanten Herr-der-Ringe-MMORPGs und kürzte beim erfolgreichen Dune: Awakening. Der Candy-Crush-Entwickler King, eine Microsoft-Tochter, ersetzte Berichten zufolge Mitarbeiter durch KI-Tools.

Nach Daten des Portals Game Industry Layoffs verloren 2023 über 10.000 Mitarbeiter in der Spielebranche ihre Jobs. Allein im Januar 2024 waren es bereits über 6.000 Entwickler. Die Tendenz scheint sich 2025 fortzusetzen.

Kritiker sehen darin die Folgen überzogener Investitionen während der COVID-19-Pandemie, als Unternehmen massiv Personal aufbauten. Nun müssen viele Studios erkennen, dass sie die Kapazitäten nicht mehr benötigen. Andere werfen den Publishern vor, kurzfristige Profitmaximierung über das Wohl ihrer Mitarbeiter zu stellen.

Auswirkungen auf kommende Projekte unklar

Welche Konsequenzen die Umstrukturierung für Square Enix‘ Produktpipeline hat, bleibt abzuwarten. Titel wie Kingdom Hearts 4 und Final Fantasy VII Remake Part 3 befinden sich bereits seit längerem in Entwicklung, ohne dass konkrete Release-Termine kommuniziert wurden. Auch Projekte wie Octopath Traveler 0 und ein Remake von Dragon Quest VII stehen auf der Agenda.

Square Enix kündigte an, zwischen April 2026 und März 2028 „mehrere große Titel“ veröffentlichen zu wollen. Der Publisher setzt dabei auf eine Strategie „von Quantität zu Qualität“ und will sich stärker auf seine Haupt-IPs konzentrieren. Die Life-is-Strange-Franchise soll zudem in eine TV-Serie expandieren.

Die Konsolidierung der Entwicklung in Japan könnte einerseits zu einer stärkeren Fokussierung auf die japanischen Kernmarken führen. Andererseits verliert Square Enix damit wichtige Publishing-Expertise in westlichen Märkten – eine riskante Wette in einer zunehmend globalisierten Branche.

Unsichere Zukunft für westliche Präsenz

Die Massenentlassungen bei Square Enix markieren einen Wendepunkt für eines der traditionsreichsten japanischen Gaming-Unternehmen. Der konsequente Rückzug aus der westlichen Entwicklung und Publishing-Landschaft wirft Fragen auf: Kann das Unternehmen ohne starke lokale Präsenz weiterhin erfolgreich in Europa und Amerika agieren?

Die Mitarbeitermoral ist laut Branchenberichten bereits angespannt. Die kommenden Jahre werden zeigen, ob Square Enix‘ „Neustart“ tatsächlich die erhoffte Profitabilität bringt oder ob die drastischen Kürzungen dem Unternehmen langfristig mehr schaden als nutzen. Für die betroffenen Mitarbeiter bleibt die Hoffnung, in einer ohnehin schwierigen Branche schnell neue Positionen zu finden.

Die Gaming-Community beobachtet die Entwicklung mit Sorge – nicht zuletzt, weil Square Enix mit seinem Vorgehen einen bedenklichen Präzedenzfall für weitere Publisher schaffen könnte. Die Kombination aus Massenentlassungen und aggressivem KI-Einsatz wirft grundsätzliche Fragen über die Zukunft der Spieleentwicklung auf.


Über die Franchises:

  • Final Fantasy: Über 204 Millionen verkaufte Einheiten weltweit
  • Dragon Quest: Über 95 Millionen verkaufte Einheiten weltweit
  • Kingdom Hearts: Eine der erfolgreichsten Action-RPG-Serien

Wichtige Daten:

  • Geschäftsjahr Q1-Q2 2025: April bis September 2025
  • Umsatz: 133,9 Mrd. Yen (-15% YoY)
  • Nettogewinn: 10,05 Mrd. Yen (-14,5% YoY)
  • Erwartete Kosteneinsparungen: 3 Mrd. Yen/Jahr (19,6 Mio. USD)

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