Letzten Monat wurde der Taktik-Shooter Six Days in Fallujah via Early Access veröffentlicht. Das Spiel hat seit 2009 eine turbulente Entwicklungsgeschichte hinter sich, unter anderem wegen seines kontroversen Settings – nämlich der zweiten Schlacht von Fallujah während des Irakkriegs. Auch heute noch steht das Spiel in der Kritik, weil es angeblich reale Schlachten zu einem Unterhaltungsspiel vereinfacht.
Der Journalist Tom Kleijn war während des Krieges oft für verschiedene Reportagen im Irak. Er hält Six Days in Fallujah für eine sehr schlechte Idee. Seiner Meinung nach ist es zu kurz her, dass es stattgefunden hat. „Es ist auch eine weitere Schlacht, auf die die so genannten Guten nicht stolz sein sollten. Darüber dann eine Soße zu streichen, mit der man etwas über die Geschichte lernen kann, halte ich fast für eine Ausrede.“
Die Schlacht, auf der das Spiel basiert, fand im November 2004 in der irakischen Stadt Falludscha statt. Die Kämpfe dauerten offiziell etwas mehr als einen Monat. Der Kampf um die Stadt fand zwischen einer Koalition unter Führung der Vereinigten Staaten, die u. a. von Großbritannien und einer provisorischen irakischen Regierung unterstützt wurde, und verschiedenen militanten Gruppen, darunter al-Qaida, statt. Dies alles geschah im Rahmen des achtjährigen Irakkriegs, in dem die von den USA geführte Koalition das Ziel verfolgte, die irakische Regierung unter Saddam Hussein zu stürzen und anschließend gegen autonome militante Gruppen vorzugehen. Die Schlacht um Falludscha gilt als eine der schwersten Stadtschlachten, die die Vereinigten Staaten seit dem Vietnamkrieg geführt haben.
Uran-Kugeln
Die Kämpfe in Falludscha waren gekennzeichnet durch den mehrfachen Einsatz von Artillerie, Luftunterstützung und schweren Fahrzeugen zur Unterstützung der Soldaten und Marines bei der Einnahme von Gebäuden in der dicht bebauten Stadt. Dies führte dazu, dass die Stadt am Ende der Kämpfe kaum wiederzuerkennen war. So wurde etwa ein Fünftel der Gebäude der Stadt zerstört, rund achthundert Zivilisten starben und etwa zweihunderttausend wurden vertrieben. Auch das Vorgehen der Koalition während der Schlacht wurde kritisiert. So sollen beispielsweise weißer Phosphor und Urangeschosse als Waffen eingesetzt worden sein.
Auch der Spieleentwickler und Sprecher für Vielfalt im Gaming Rami Ismail hat kein gutes Wort über Six Days in Fallujah zu sagen. „Für mich ist es eigentlich undenkbar, dass man in dem Land, das die illegale Invasion durchgeführt hat, Unterhaltung über eine illegale Invasion macht und die Invasoren dafür bezahlt, Propaganda zu machen, wie traurig die Invasoren über all die Menschen sind, die sie getötet haben. Und das, bevor der Boden, auf dem die Invasion stattfand, nicht mehr von den Urangeschossen radioaktiv ist.“
Six Days in Fallujah wurde 2009 von Atomic Games entwickelt, nachdem ein US-Marine den Entwickler kontaktiert und gefragt hatte, ob ein Spiel über seine Erfahrungen in Fallujah entwickelt werden könnte. Das Ziel des Spiels ist es, den realistischsten Militär-Shooter zu entwickeln, so das Team. Daher haben die Marinesoldaten die Erlaubnis erteilt, ihre Namen und ihr Aussehen im Spiel zu verwenden. Um dieses Ziel zu erreichen, hat Atomic Games mehr als 70 Interviews geführt, unter anderem mit US-Marines, irakischen Zivilisten, irakischen Kämpfern und Historikern.
Im Spiel schlüpfen die Spieler in die Rolle von Mitgliedern des US 3rd Battalion, 1st Marines und müssen sich selbst und ihre Teamkameraden durch besetzte Gebäude führen. Kurz nach der Ankündigung des Spiels äußerten unter anderem britische Veteranen ihre Kritik. Sie hielten es für unangemessen, ein Spiel um eine relativ junge und blutige Schlacht zu entwickeln. Publisher Konami wollte das Spiel ursprünglich veröffentlichen, entschied sich aber nach der Kritik dagegen. Damit ist das Spiel seit mehr als einem Jahrzehnt in der Schwebe, auch wenn Atomic Games-Chef Peter Tamte weiterhin behauptet, das Spiel sei nicht eingestellt worden.
Ein neuer Versuch mit demselben Ergebnis
Im Februar 2021 gab ein neuer, von Tamte geleiteter Verlag namens Victura seine Absicht bekannt, das Spiel mit Highwire Games als Entwickler zu veröffentlichen. Die Ankündigung wird von einem Trailer begleitet, der neben Gameplay auch Nachrichtenmaterial und Interviews zeigt. Nach und nach kommen auch weitere Details ans Licht. So werden beispielsweise alle Levels – bis hin zu den Wohnzimmern – prozedural generiert, was dafür sorgen soll, dass sich jede Mission anders anfühlt.