Saints Row 7: Original-Director pitcht 70er-Jahre-Prequel

Die totgeglaubte Saints Row-Reihe könnte ein Comeback erleben. Chris Stockman, Design Director des ersten Saints Row von 2006, wurde beauftragt, ein Konzept für einen siebten Teil der Gangster-Saga zu entwickeln. Doch statt einer Fortsetzung des gescheiterten 2022er-Reboots plant Stockman einen radikalen Neuanfang: Ein Prequel, das in den 1970er Jahren spielt und die Ursprünge der Saints-Gang beleuchtet.

Von der Vision zur Realität

Die Nachricht kam überraschend: Nachdem Stockman Mitte Oktober 2025 in einem Interview mit Esports Insider deutliche Kritik am Saints Row Reboot geäußert und einen direkten Appell an die Embracer Group gerichtet hatte, meldete sich der Rechteinhaber tatsächlich bei ihm. Auf Reddit bestätigte der Branchenveteran: „Ich wurde gebeten, einen Pitch für ein Saints Row Prequel zu erstellen. Mehr kann ich nicht sagen, aber meine Träume für dieses Spiel sind jetzt etwas mehr als nur Träume.“

Stockman, der das Studio Bit Planet Games in Austin, Texas leitet, zeigte sich begeistert von der Gelegenheit, zur Franchise zurückzukehren. „Ich habe eine sehr klare Vision für dieses Prequel“, erklärte er und verwies auf seine Arbeit am ersten Saints Row als Hauptgrund für seine Überzeugung.

Zurück zu den Wurzeln: Das 70er-Jahre-Konzept

Stockmans Vision für das Prequel unterscheidet sich fundamental von den jüngsten Einträgen der Reihe. Anstatt mit den modernen GTA-Spielen zu konkurrieren, würde das Spiel in den 1970er Jahren angesiedelt sein und eine Gruppe von Teenagern zeigen, die später zu den Hauptcharakteren des ersten Saints Row werden. „Man könnte richtig auf das 70er-Jahre-Thema setzen mit großen Afros, Schlaghosen und der Musik dieser ganzen Ära“, beschrieb Stockman seine Idee.

Diese zeitliche Verschiebung würde es Saints Row ermöglichen, sich von der direkten Konkurrenz mit Rockstars GTA 6 abzuheben. „Ich würde es in eine andere Richtung lenken, sodass man nicht mit den modernen GTA-Spielen konkurriert. Man geht quasi im Zickzack, während alle anderen im Gleichschritt marschieren“, so Stockman.

Kein VR-Spiel geplant

Obwohl Bit Planet Games sich in den letzten neun Jahren auf Virtual Reality spezialisiert hat – mit Titeln wie Ultrawings, Ultrawings 2 und dem kürzlich veröffentlichten Super RC – stellte Stockman klar, dass das Saints Row Prequel kein VR-Projekt werden soll. Diese Klarstellung war notwendig geworden, nachdem Fans auf Reddit ihre Bedenken bezüglich einer VR-Version geäußert hatten. Die meisten Spieler der Franchise bevorzugen traditionelle Plattformen, und Stockman versicherte, dass das Projekt für PC und Konsolen entwickelt werden würde.

Der Untergang von Volition

Die Notwendigkeit eines Neuanfangs wurzelt im katastrophalen Scheitern des 2022er Saints Row Reboots. Das Spiel erhielt gemischte bis negative Kritiken mit Metacritic-Scores zwischen 61 und 65 Punkten. Kritiker bemängelten technische Probleme, fehlende Innovation und eine uninspirierte Open World. Besonders schwer wog jedoch das kommerzielle Versagen: Bis Mai 2024 verkaufte sich das Reboot lediglich 1,7 Millionen Mal – deutlich unter den Erwartungen und der schlechteste Verkaufsstart in der Geschichte der Reihe.

Die Konsequenzen waren verheerend. Am 31. August 2023 gab Volition, das Studio hinter Saints Row und Red Faction, seine sofortige Schließung bekannt. Nach 30 Jahren Firmengeschichte wurde das über 200 Mitarbeiter zählende Team im Rahmen der Embracer Group-Umstrukturierung aufgelöst. In einer emotionalen Abschiedsbotschaft bedankte sich Volition bei Fans und Mitarbeitern: „Das Volition-Team hat 30 Jahre lang mit Stolz erstklassige Unterhaltung für Fans auf der ganzen Welt geschaffen.“

Was beim Reboot schiefging

Berichten zufolge hatte Volition ursprünglich ganz andere Pläne für die Serie. Ein YouTuber mit dem Namen „Mrsaintsgodzilla21“ enthüllte im November 2023, dass das Studio zunächst an einem „Saints Row 5“ arbeitete, das bekannte Charaktere wie Johnny Gat, Shaundi und Pierce zurückgebracht hätte. Das Spiel sollte zu 80 Prozent den Ton von Saints Row 2 und zu 20 Prozent den von Saints Row: The Third treffen.

Doch Publisher Deep Silver (heute Plaion) lehnte diesen Vorschlag ab und drängte auf einen Reboot mit „relatebaren“ College-Kids statt Gangstern, um moderne Zielgruppen anzusprechen. Auch in den weiteren Entwicklungsprozess soll Deep Silver mehrfach eingegriffen haben, was zur Streichung wichtiger Features wie Criminal Ventures und erweiterten Anpassungsoptionen führte.

Stockmans vernichtende Kritik

Der Saints Row-Veteran nahm im Oktober 2025 kein Blatt vor den Mund: „Als ich erfuhr, dass sie Saints Row rebooten, sprach ich mit einem alten Freund von mir, der mein alter Boss für Saints Row 1 war. Als ich erfuhr, was sie tun, dachte ich: Mann, das ist eine schreckliche Idee“, erklärte Stockman. Seine Hauptkritikpunkte: „Es gibt viele Charaktere in der Serie, die die Leute lieben. Es war überhaupt kein Saints Row. Nennt es an diesem Punkt einfach anders. Es gibt eine gewisse Erwartungshaltung an ein Saints Row-Spiel, und sie haben sie alle verfehlt.“

Die Zukunft der IP

Die Rechte an Saints Row befinden sich derzeit bei Plaion (ehemals Koch Media), das 2013 nach der Insolvenz des ursprünglichen Publishers THQ die Marke erwarb. 2018 wurde Koch Media von THQ Nordic übernommen, das sich ein Jahr später in Embracer Group umbenannte. Koch Media selbst wurde im August 2022 – nur Wochen vor dem Launch des Saints Row Reboots – in Plaion umbenannt.

Die Embracer Group durchläuft aktuell eine massive Umstrukturierung. Das Unternehmen spaltet sich bis Ende 2025 in drei eigenständige, börsennotierte Gesellschaften auf: Asmodee (bereits im Februar 2025 ausgegliedert), Coffee Stain Group und Fellowship Entertainment. Letztere wird die Division sein, unter der Plaion und damit auch die Saints Row-Rechte fallen werden.

Fellowship Entertainment wird etwa 6.000 Mitarbeiter in über 30 Ländern beschäftigen und ist Rechteverwalter für über 300 Gaming-IPs, darunter Der Herr der Ringe, Tomb Raider, Metro, Dead Island und Kingdom Come: Deliverance. Die Strategie konzentriert sich auf Spieleentwicklung und -publishing, ergänzt durch Transmedia-Fähigkeiten in IP-Lizenzierung, Comics, Merchandise und Film.

Realistische Zeitplanung

Sollte Stockmans Pitch grünes Licht erhalten, ist mit einer Veröffentlichung frühestens Anfang der 2030er Jahre zu rechnen. Moderne Mittel- bis Großbudget-Spieleprojekte benötigen durchschnittlich fünf Jahre Entwicklungszeit. Vorausgesetzt, die Pre-Production startet in naher Zukunft, würde ein Release vor 2030 unrealistisch erscheinen.

Bit Planet Games arbeitet derweil an mindestens einem weiteren Projekt. Stockman deutete kürzlich an, dass das nächste Spiel des Studios „kurz vor der Fertigstellung“ stehe und bald angekündigt werde. Das im September 2025 im Early Access gestartete VR-Rennspiel Super RC zeigt, dass das Studio weiterhin aktiv in der VR-Entwicklung tätig ist, während parallel möglicherweise an größeren Projekten gearbeitet wird.

Ein Funken Hoffnung

Für Fans der klassischen Saints Row-Spiele könnte Stockmans Prequel-Pitch die langersehnte Rückkehr zu Form bedeuten. Seine Vision eines 70er-Jahre-Settings mit Fokus auf die Ursprungsgeschichte der Gang würde einen klaren Bruch mit den exzessiven und überdrehten späteren Teilen darstellen und gleichzeitig die düstere, gangsterfokussierte Atmosphäre der ersten beiden Spiele zurückbringen.

Ob und wann aus dem Pitch ein fertiges Spiel wird, bleibt abzuwarten. Die Kombination aus Stockmans Expertise als Original-Director, seiner klaren Vision und der Bereitschaft des Rechteinhabers, ihm diese Chance zu geben, lässt jedoch zumindest hoffen, dass die Saints Row-Reihe vielleicht doch noch nicht ihr endgültiges Ende gefunden hat.

Neuanfang statt Fortsetzung: Die riskante Strategie

Saints Row steht an einem Scheideweg. Nach dem Desaster des Reboots und der Schließung von Volition schien die Zukunft der Franchise düster. Doch mit Chris Stockman hat sich ein Mann gemeldet, der nicht nur die DNA der Serie versteht, sondern auch eine konkrete Vision hat, wie man sie wiederbeleben könnte. Ein 70er-Jahre-Prequel wäre ein mutiger, aber potenziell brillanter Schachzug – ein Weg, die Serie von der erdrückenden Konkurrenz mit GTA zu befreien und ihr eine eigene, unverwechselbare Identität zurückzugeben. Ob Fellowship Entertainment und Plaion diesen Mut aufbringen werden, wird sich zeigen. Eines ist jedoch sicher: Die Gaming-Community beobachtet gespannt, ob die Saints noch einmal auf die Straße zurückkehren werden.

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