Die Kontroverse um die Massenentlassungen bei Rockstar Games nimmt kein Ende. Der GTA 6-Entwickler hat seine Anschuldigungen gegen die im Oktober entlassenen Mitarbeiter weiter präzisiert und behauptet nun, diese hätten vertrauliche Informationen über „bevorstehende und unangekündigte Titel“ in einem öffentlichen Forum verbreitet. Die betroffene Gewerkschaft IWGB wehrt sich vehement gegen diese Darstellung und wirft Rockstar vor, die Begründung für die Kündigungen nachträglich zu konstruieren.
34 Entlassungen im Oktober sorgen für internationale Empörung
Ende Oktober 2025 entließ Rockstar Games insgesamt 34 Entwickler – 31 in Großbritannien und drei im Torontoer Studio in Kanada. Was zunächst als Fall von „grobem Fehlverhalten“ bezeichnet wurde, entwickelt sich mittlerweile zu einem der größten Arbeitskonflikte in der Geschichte der Spielebranche. Die Entlassungen erfolgten zu einem kritischen Zeitpunkt: Die betroffenen Mitarbeiter waren Teil eines privaten Discord-Servers der Independent Workers‘ Union of Great Britain (IWGB), auf dem über die Gründung einer Gewerkschaft diskutiert wurde.
Besonders brisant: Die Gewerkschaft hatte nach eigenen Angaben kurz vor den Entlassungen die Schwelle von rund 10 Prozent der Belegschaft bei Rockstar North erreicht – eine Zahl, die nach britischem Recht für eine „statutory recognition“ (gesetzliche Anerkennung) der Gewerkschaft qualifizieren würde. Dies hätte Rockstar verpflichtet, die Gewerkschaft offiziell anzuerkennen und mit ihr zu verhandeln.
Rockstar präzisiert Vorwürfe: Leak über unangekündigte Spiele
In einer neuen Stellungnahme gegenüber IGN hat Rockstar seine Anschuldigungen konkretisiert: „Rockstar Games hat Maßnahmen gegen eine kleine Gruppe von Personen in Großbritannien und international ergriffen, die vertrauliche Informationen (einschließlich spezifischer Spielfeatures von bevorstehenden und unangekündigten Titeln) in einem öffentlichen Forum verbreitet und diskutiert haben, was gegen die Unternehmensrichtlinien und ihre rechtlichen Verpflichtungen verstößt“, erklärte ein Unternehmenssprecher.
Zudem behauptet Rockstar, dass sich im IWGB-Discord-Server neben Rockstar-Mitarbeitern auch ein Spiele-Journalist und ein Entwickler eines konkurrierenden Studios befunden hätten. Das Unternehmen betont, dass nur Mitarbeiter entlassen wurden, bei denen nachgewiesen werden konnte, dass sie vertrauliche Informationen geteilt haben. Andere Discord-Nutzer, die sich zwar positiv über eine Gewerkschaftsmitgliedschaft geäußert, aber keine sensiblen Daten weitergegeben hätten, seien weiterhin beschäftigt.
In einer weiteren Stellungnahme kommentierte Rockstar die Reaktion der Gewerkschaft mit den Worten: „Wie wir vermutet haben und wie die Antwort auf unsere Erklärung zeigt, haben sie keine Ahnung, wer in diesem Discord war.“
IWGB weist Vorwürfe als „Falschinformationen“ zurück
Jake Thomas, Kommunikationsbeauftragter der IWGB, wies die Anschuldigungen von Rockstar entschieden zurück. Zur Behauptung, dass Spielfeatures geleakt worden seien, erklärte er, die Gewerkschaft sei sich nicht bewusst, worauf sich diese Vorwürfe beziehen könnten. Bezüglich des angeblichen Journalisten im Discord stellte Thomas klar, dass die betreffende Person zwar früher „ein paar Artikel für eine Zeitung“ geschrieben habe, aber als Gewerkschaftsvertreter und Spieleentwickler in dieser Funktion am Server teilgenommen habe.
In einer separaten Stellungnahme bezeichnete die IWGB Rockstars jüngste Erklärung als „gespickt mit Falschaussagen und Desinformation“. Die Gewerkschaft wirft dem Unternehmen vor, nachträglich eine Rechtfertigung für die Entlassungen zu „konstruieren“, indem es „mehrere, widersprüchliche Gründe“ für die Kündigungen im Oktober 2025 anführe.
Britische Politik schaltet sich ein
Der Fall hat mittlerweile die höchsten politischen Ebenen Großbritanniens erreicht. Chris Murray, Abgeordneter für Edinburgh East and Musselburgh – den Wahlkreis, in dem Rockstar North ansässig ist – brachte die Angelegenheit während der wöchentlichen „Prime Minister's Questions“ zur Sprache. Murray erklärte, er habe sich mit Rockstar getroffen, das Unternehmen habe ihn jedoch nicht davon überzeugen können, dass es das Arbeitsrecht einhalte.
Premierminister Keir Starmer bezeichnete den Fall als „zutiefst besorgniserregend“ und versprach, dass Minister die Angelegenheit untersuchen und Murray auf dem Laufenden halten würden. Starmer betonte dabei, dass jeder Arbeitnehmer das Recht habe, einer Gewerkschaft beizutreten, und erklärte: „Wir sind entschlossen, Arbeitnehmerrechte zu stärken und sicherzustellen, dass sie keine unfairen Konsequenzen für die Mitgliedschaft in einer Gewerkschaft erleiden.“
Proteste und internationale Solidarität
Die Entlassungen lösten eine Welle von Protesten aus. Vor den Büros von Rockstar North in Edinburgh sowie vor Take-Twos Hauptquartier in New York, London und Paris demonstrierten entlassene Mitarbeiter und Unterstützer. Ein aktueller Rockstar-Mitarbeiter ließ auf einer Demonstration einen Brief vorlesen, in dem es hieß: „Die Energie, die Aufregung, der Funke, der diesen Ort so besonders gemacht hat, ist jetzt zerstört. Und ich weiß, dass ich nicht der Einzige bin, der sich gerade so fühlt.“
Über 220 aktuelle Rockstar-Mitarbeiter haben einen offenen Brief unterzeichnet, in dem sie die Wiedereinstellung ihrer entlassenen Kollegen fordern. Die Solidarität reicht über die Spielebranche hinaus: Mehrere Gewerkschaften, darunter die Alphabet Workers Union, haben ihre Unterstützung für die betroffenen Entwickler erklärt.
Rechtliche Schritte eingeleitet
Die IWGB hat im November 2025 rechtliche Schritte gegen Rockstar eingeleitet und fordert die Wiedereinstellung der entlassenen Mitarbeiter. Falls diese Forderung nicht erfüllt wird, plant die Gewerkschaft, Klagen wegen ungerechtfertigter Kündigung einzureichen. Zur Finanzierung des Rechtsstreits sammelt die IWGB über Action Network Spenden.
Austin Kelmore, Mitbegründer der IWGB Game Workers Union, erklärte gegenüber Aftermath, die Organisation beabsichtige, „jeden rechtlichen Weg zu verfolgen“, um den Entwicklern ihre Arbeitsplätze zurückzugeben. IWGB-Organisator Fred Carter betonte: „Ich habe so etwas noch nie gesehen, nicht nur im Spielesektor, sondern in der britischen Gewerkschaftsorganisation in den letzten 20 Jahren. Dies ist der Moment, in dem sie das richtigstellen können. Das sind Arbeiter, die einfach nur zurück zur Arbeit wollen, um an dem Spiel zu arbeiten, das sie lieben.“
Auswirkungen auf GTA 6-Entwicklung unklar
Die Entlassungen erfolgten nur wenige Tage vor der Ankündigung, dass GTA 6 von Mai auf November 2026 verschoben wird. Laut Bloomberg-Journalist Jason Schreier besteht zwar kein direkter Zusammenhang zwischen beiden Ereignissen, die Entlassungen könnten sich jedoch in Zukunft auf die Entwicklung auswirken.
IWGB-Präsident Alex Marshall kritisierte: „Das Management zeigt, dass es ihnen egal ist, ob sich GTA 6 verzögert, und dass sie die Bekämpfung von Gewerkschaften priorisieren, indem sie genau die Menschen ins Visier nehmen, die das Spiel entwickeln.“
Historischer Wendepunkt für die Spielebranche?
Der Fall wirft ein Schlaglicht auf die anhaltenden Probleme in der Spieleentwicklungsbranche: hoher Arbeitsdruck, Überstunden, unsichere Verträge und der Widerstand vieler Unternehmen gegen gewerkschaftliche Organisation. Die IWGB bezeichnet die Vorgänge bei Rockstar als „einen der rücksichtslosesten und offensichtlichsten Fälle von Union-Busting in der Geschichte der Spieleindustrie.“
Für Rockstar steht bei diesem Konflikt mehr auf dem Spiel als nur der Ruf: In einer Zeit, in der sich Verbraucherverhalten zunehmend an ethischen Maßstäben orientiert, könnte die negative Aufmerksamkeit langfristige Auswirkungen auf das Unternehmen haben – insbesondere mit dem hocherwarteten GTA 6 am Horizont.
Die kommenden Wochen werden zeigen, ob Rockstar auf die Forderungen der Gewerkschaft eingeht oder ob sich der Konflikt zu einem langwierigen Rechtsstreit entwickelt. Was jedoch bereits jetzt feststeht: Die Diskussion um faire Arbeitsbedingungen in der Spieleentwicklung hat neue Nahrung erhalten, und die Augen der internationalen Gaming-Community sind auf Rockstar gerichtet.