Die russische Medienaufsichtsbehörde Roskomnadzor hat Anfang Dezember 2025 den Zugang zur beliebten Gaming-Plattform Roblox im gesamten Land gesperrt. Die Begründung: Verbreitung von extremistischen Materialien, „LGBT-Propaganda“ und Inhalten, die Kinder gefährden. Damit reiht sich Russland in eine wachsende Liste von Ländern ein, die Roblox aus Sicherheits- und politischen Gründen den Zugang verwehren.
Über 2 Millionen russische Spieler betroffen
Mit dem Verbot verlieren mehr als zwei Millionen täglich aktive Nutzer in Russland den Zugriff auf die Plattform. Laut Daten des App-Intelligence-Unternehmens Appfigures wurde Roblox etwa 70 Millionen Mal auf Mobilgeräten in Russland installiert, allein im Jahr 2025 kamen rund 8 Millionen Downloads hinzu. Die wirtschaftliche Zeitung Vedomosti bezeichnete Roblox 2023 als das meistgeladene Handyspiel Russlands.
Roblox, seit 2006 auf dem Markt, zählt weltweit zu den erfolgreichsten Gaming-Plattformen mit über 111,8 Millionen durchschnittlichen täglichen aktiven Nutzern (Stand: Juli 2025) und erwirtschaftete im zweiten Quartal 2025 knapp 1,1 Milliarden Dollar Umsatz. Etwa 40 Prozent der Nutzer sind unter 13 Jahre alt.
Die Vorwürfe der russischen Behörden
Roskomnadzor wirft Roblox schwere Verstöße vor. In einer offiziellen Stellungnahme heißt es, die Plattform verbreite Materialien, die „Extremismus und terroristische Aktivitäten propagieren und rechtfertigen“. Konkret nennt die Behörde folgende Probleme:
- Simulation von Terroranschlägen in Spielszenarien
- Glücksspielinhalte
- Sexuelle Belästigung von Minderjährigen
- Verbreitung intimer Bilder
- Aufrufe zu Gewalttaten
- „LGBT-Propaganda“
„Diese Inhalte gefährden die geistige und moralische Entwicklung unserer Kinder“, erklärte ein Sprecher der Behörde gegenüber russischen Medien. Besonders problematisch sei, dass die Plattform bei Pädophilen beliebt sei, die über Chat-Funktionen gezielt Kontakt zu Minderjährigen aufnehmen würden.
Lange Vorgeschichte des Verbots
Das Verbot kam nicht überraschend. Roskomnadzor hatte bereits das gesamte Jahr 2025 über wiederholt Probleme mit Roblox gemeldet. Im Februar, März, Mai, August und September dokumentierte die Bundespolizei verschiedene Straftaten auf der Plattform. Im März bezeichnete eine Abteilung des Innenministeriums Roblox sogar als Online-Plattform mit den meisten registrierten Verbrechen im Jahr 2024.
Im Juli 2025 zwang Roskomnadzor Roblox bereits, „LGBT-bezogene“ Inhalte zu entfernen. Anfang November äußerten die Duma-Abgeordneten Nina Ostanina und Yana Lantratova nach einem kritischen Guardian-Artikel Bedenken über die Plattform. Konservative Aktivisten forderten daraufhin ein Verbot. Am 29. November erklärte Roskomnadzor schließlich, dass Roblox‘ internes Moderationssystem nicht in der Lage sei, die Sicherheit der Nutzer zu gewährleisten. Drei Tage später folgte die offizielle Sperrung.
Russlands Anti-LGBT-Gesetz als Hintergrund
Zentral für die Begründung des Verbots ist Russlands sogenanntes Anti-LGBT-Propagandagesetz. Die russische Regierung stufte 2023 die „internationale LGBT-Bewegung“ – die als Organisation gar nicht existiert – als extremistisch ein. Seitdem wurden LGBTQ+-Rechte in Russland faktisch komplett abgeschafft.
Die Folgen des Gesetzes sind weitreichend: Ein Mann wurde zu einer Geldstrafe verurteilt, weil er scherzhaft behauptete, die LGBT-Bewegung gegründet zu haben. Queer-Bar-Besitzer und Mitarbeiter wurden inhaftiert, über 50 Clubgänger bei einer Veranstaltung festgenommen. Die Sprachlern-App Duolingo musste nach einer Verwarnung von Roskomnadzor alle Verweise auf „nicht-traditionelle sexuelle Beziehungen“ entfernen. Selbst die Zeichentrickserie „My Little Pony“ erhielt eine Altersfreigabe ab 18 Jahren. Menschenrechtsorganisationen berichten von Festnahmen und Verurteilungen auf Basis des Gesetzes, in Einzelfällen sollen Personen in Haft gestorben sein.
Roblox reagiert auf die Vorwürfe
Das Unternehmen wies die Vorwürfe zurück und betonte in einer Stellungnahme: „Wir respektieren die Gesetze in allen Ländern, in denen wir tätig sind. Roblox bietet einen positiven Raum für Lernen, Kreativität und bedeutungsvolle Verbindungen.“ Man habe umfangreiche Sicherheitsmaßnahmen implementiert, um schädliche Inhalte frühzeitig zu erkennen und zu verhindern.
Tatsächlich hat Roblox in den vergangenen Monaten seine Sicherheitsstandards deutlich verschärft. Im Dezember kündigte das Unternehmen an, Chats zwischen Kindern und unbekannten Erwachsenen künftig vollständig zu unterbinden. Ab Januar soll eine obligatorische Gesichtsverifizierung für die Nutzung der Chat-Funktionen eingeführt werden. Zudem wurden neue Altersbeschränkungen implementiert und Eltern erhielten erweiterte Kontrollmöglichkeiten über Bildschirmzeit, Freundeslisten und zugängliche Inhalte.
Weltweite Kontroversen um Kindersicherheit
Russland ist bei weitem nicht das einzige Land, das Probleme mit Roblox sieht. Die Plattform ist bereits in mehreren Ländern verboten oder eingeschränkt: China, Indonesien, Griechenland, Guatemala, Jordanien, Nordkorea, Saudi-Arabien, Vereinigte Arabische Emirate, Türkei, Iran, Irak, Katar, Kuwait, Algerien und Oman haben entsprechende Maßnahmen ergriffen – meist mit Verweis auf Kinderschutz.
Auch in den USA steht Roblox massiv unter Druck. Die Generalstaatsanwälte von Louisiana, Kentucky und Texas haben 2025 Klagen gegen das Unternehmen eingereicht. Die Vorwürfe: Roblox habe keine ausreichenden Sicherheitsmaßnahmen zum Schutz von Minderjährigen bereitgestellt und Kinder sexuell expliziten Inhalten sowie Online-Raubtieren ausgesetzt.
In der Schweiz warnte beispielsweise die Primarschule Vogelsang in Basel Eltern vor möglichen Gefahren auf der Plattform, darunter Gewalt, erschreckende Szenen und sexualisierte Darstellungen. Besonders problematisch seien „Condo Games“, die sexualisierte Handlungen nachstellen, sowie Nachstellungen realer Terroranschläge.
Die Führung von Roblox hat viele Kritikpunkte als Sensationalismus zurückgewiesen, gleichzeitig aber auch eingeräumt, dass Verbesserungen notwendig sind. CEO David Baszucki wandte sich direkt an besorgte Eltern und betonte, dass bereits ein Zwischenfall zulasten von Kindern zu viel sei.
Teil eines größeren Musters
Das Verbot von Roblox fügt sich in eine lange Reihe von Maßnahmen ein, mit denen Russland seit Beginn des Ukraine-Kriegs westliche Online-Dienste und Medienplattformen blockiert. Meta wurde als extremistische Organisation eingestuft, Facebook und Instagram 2022 verboten, YouTube folgte 2024. Auch Discord wurde 2024 gesperrt, was erhebliche Auswirkungen auf die russische Gaming-Community hatte. Zuletzt drohte Roskomnadzor dem Messenger-Dienst WhatsApp mit einem Verbot.
Kritiker sehen in diesen Maßnahmen weniger Kinderschutz als vielmehr den Versuch, die Kommunikation mit der Außenwelt einzuschränken und das Internet stärker zu überwachen und zu kontrollieren. Roskomnadzor hat eine lange Geschichte darin, den Zugang zu westlichen Medien und Technologieplattformen zu blockieren, sobald die Behörde der Ansicht ist, dass dort Inhalte erscheinen, die gegen russische Gesetze verstoßen.
Auswirkungen auf die Gaming-Industrie
Während das Verbot in Russland die Nutzerzahlen von Roblox beeinträchtigen wird, ist der umgekehrte Effekt ebenfalls zu beobachten: Mehrere große Gaming-Unternehmen haben nach der Eskalation des Ukraine-Konflikts und der Annexion der Krim ihrerseits Verkäufe nach Russland und Belarus eingestellt oder eingeschränkt.
EA bestätigte auf seiner Website, dass Apex Legends und FIFA in Russland und Belarus von der Teilnahme an Esports-Programmen ausgeschlossen sind: „Wir stehen solidarisch mit dem Volk der Ukraine.“ Auch Nintendo, Sony, Microsoft, Ubisoft, Activision Blizzard, CD Projekt Red, Bloober Team und Take-Two Interactive haben Verkäufe nach Russland in den vergangenen Jahren ausgesetzt oder komplett eingestellt.
Trotz aller Kontroversen bleibt Roblox eine der größten Gaming-Plattformen der Welt. Beliebte Spiele wie Forsaken, Rivals und Grow a Garden verzeichnen täglich über 120.000 Spieler – mehr als manche AAA-Titel wie Call of Duty: Black Ops 7. Wie sich das Unternehmen langfristig gegen die weltweiten Herausforderungen bezüglich Kindersicherheit und politischer Regulierung behaupten wird, bleibt abzuwarten.