Pokémon GO-Daten steuern jetzt Lieferroboter durch Großstädte

Was als revolutionäres Augmented-Reality-Spiel begann, entpuppt sich zehn Jahre später als gigantisches Datensammelprojekt: Niantic Spatial nutzt über 30 Milliarden Bilder von Pokémon GO-Spielern, um Lieferrobotern beizubringen, sich zentimetergenau durch Straßen zu bewegen.

Von Pokémon-Jagd zur Roboter-Navigation

Am 10. März 2026 gab Niantic Spatial eine Partnerschaft mit dem Robotik-Startup Coco Robotics bekannt. Die Zusammenarbeit hat ein klares Ziel: Die Millionen von Fotoscans, die Pokémon GO-Spieler über ein Jahrzehnt hinweg von Straßen, Gebäuden und Wahrzeichen angefertigt haben, sollen Lieferrobotern dabei helfen, sich in dicht bebauten Stadtgebieten zurechtzufinden.

Coco Robotics betreibt derzeit eine Flotte von rund 1.000 koffergroßen Robotern in Los Angeles, Chicago, Jersey City, Miami und Helsinki. Die Geräte liefern Pizzen, Lebensmittel und andere Bestellungen auf Gehwegen aus – mit einer Geschwindigkeit von etwa acht Kilometern pro Stunde. Laut dem Unternehmen haben die Roboter bereits über 500.000 Lieferungen abgeschlossen.

Warum GPS für Roboter in Städten nicht ausreicht

Das zentrale Problem für autonome Lieferroboter: GPS funktioniert in Innenstädten oft unzuverlässig. Hochhäuser, Unterführungen und Brücken lassen Funksignale abprallen und erzeugen Interferenzen. Brian McClendon, CTO von Niantic Spatial, beschrieb dieses Phänomen als „Urban Canyon“-Problem – der blaue Punkt auf dem Smartphone kann in solchen Umgebungen schnell um 50 Meter abweichen, was den Roboter auf die falsche Straßenseite oder sogar in den nächsten Block schicken würde.

Hier kommt Niantics Visual Positioning System (VPS) ins Spiel. Statt sich ausschließlich auf Satellitensignale zu verlassen, bestimmt das System den Standort anhand der visuellen Umgebung. Die Roboter von Coco sind mit vier Kameras ausgestattet, die kontinuierlich ihre Umgebung erfassen und mit der riesigen Bilddatenbank von Niantic Spatial abgleichen.

30 Milliarden Bilder als Grundlage für das Large Geospatial Model

Die technische Basis hinter der Partnerschaft ist Niantics sogenanntes Large Geospatial Model (LGM). Dieses KI-Modell wurde mit über 30 Milliarden Bildern trainiert, die Spieler von Pokémon GO, aber auch von Ingress und Pikmin Bloom über die Jahre gesammelt haben. Niantic Spatial hat dafür über 50 Millionen neuronale Netzwerke mit insgesamt mehr als 150 Billionen Parametern trainiert, die an über einer Million Standorten weltweit funktionieren.

Was diese Daten so wertvoll macht: Pokémon GO hat Spieler systematisch zu den gleichen Hotspots in ihren Städten geführt – Arenen, PokéStops und Wahrzeichen. Dort haben Millionen von Menschen dieselben Orte fotografiert, aber aus unterschiedlichen Blickwinkeln, zu verschiedenen Tageszeiten und bei unterschiedlichen Wetterbedingungen. Diese Vielfalt an Perspektiven ermöglicht es dem System, Orte auch dann zu erkennen, wenn sich Lichtverhältnisse oder Details ändern.

Wie Niantic Spatial entstand

Niantic Spatial ist kein neues Unternehmen im klassischen Sinne. Als Niantic seine gesamte Spielesparte – einschließlich Pokémon GO – Anfang 2025 für 3,5 Milliarden US-Dollar an Scopely verkaufte, wurde die Technologie-Abteilung als eigenständiges Unternehmen ausgegliedert. Scopely gehört zur Savvy Games Group, die Teil des saudischen Staatsfonds ist. Niantic Spatial hingegen blieb im Besitz der ursprünglichen Niantic-Investoren.

Während Pokémon GO unter Scopely weiterläuft und laut Schätzungen noch immer rund 50 Millionen aktive Spieler hat, konzentriert sich Niantic Spatial ausschließlich auf die Entwicklung und Vermarktung seiner Geospatial-KI-Technologie.

Mehr als nur Pizza-Lieferung: Die langfristige Vision

Laut John Hanke, CEO von Niantic Spatial, ist die Partnerschaft mit Coco Robotics erst der Anfang. Das langfristige Ziel ist der Aufbau einer „Living Map“ – einer digitalen Karte der realen Welt, die sich kontinuierlich aktualisiert. Roboter, die das VPS nutzen, sollen dabei selbst neue Daten zurückliefern und so die Genauigkeit des Systems weiter verbessern. Dieses Prinzip eines sich selbst verbessernden Daten-Kreislaufs ähnelt dem Ansatz, den auch Unternehmen wie Waymo oder Tesla bei der Entwicklung autonomer Fahrzeuge verfolgen.

Niantics Technologie soll künftig weit über die Lieferrobotik hinausgehen. Das Unternehmen sieht Anwendungsmöglichkeiten in der Stadtplanung, bei der Lagerverwaltung, in der Fertigung, bei der Fernzusammenarbeit und natürlich in Augmented-Reality-Anwendungen der nächsten Generation.

Datenschutz-Debatte: Unbezahlte Arbeit für ein KI-Unternehmen?

Die Enthüllung hat eine erwartbare Diskussion über Datenschutz und die Nutzung von Spielerdaten ausgelöst. Niantic betont, dass die verwendeten Daten nicht heimlich erhoben wurden – Spieler haben aktiv am Scannen von Orten teilgenommen, etwa im Rahmen der 2020 eingeführten Feldforschungs-Aufgaben, bei denen das Abfotografieren realer Objekte mit Spielbelohnungen verknüpft wurde.

Dennoch wussten die meisten Spieler nicht, dass ihre Scans eines Tages zum Training von Lieferrobotern oder anderen kommerziellen KI-Systemen verwendet werden würden. Kritiker vergleichen die Situation mit Googles CAPTCHA-Tests, bei denen Nutzer durch das Identifizieren von Verkehrsschildern und Fahrrädern unwissentlich beim Training von Computer-Vision-Modellen halfen.

Niantic hat bisher keine Pläne angekündigt, VPS-Daten an Strafverfolgungsbehörden oder andere staatliche Stellen weiterzugeben. Die Technologie selbst – ein System, das anhand von Gebäuden und Wahrzeichen in einem Foto den exakten Aufnahmeort bestimmen kann – wirft jedoch grundsätzliche Fragen auf, die über Pizza-Lieferungen hinausgehen.

Reaktionen der Community: Überraschend gelassen

Bemerkenswert ist, wie gelassen die Pokémon GO-Community auf die Nachricht reagiert hat. In sozialen Medien überwiegen humorvolle Kommentare darüber, dass sie jahrelang unbewusst Roboter trainiert haben. Viele Spieler scheinen die Nutzung ihrer Daten für Lieferroboter als relativ harmlos einzustufen – im Gegensatz zu den aggressiveren Datenpraktiken anderer Tech-Unternehmen.

Die Geschichte zeigt eindrücklich, wie Daten, die für einen bestimmten Zweck gesammelt werden, Jahre später für völlig andere Anwendungen zum Einsatz kommen können. Ob als clevere Geschäftsstrategie oder als warnendes Beispiel für die Langlebigkeit digitaler Datenspuren – die Verbindung zwischen Pokémon-Fangen und Pizza-Lieferrobotern dürfte eine der unerwartetsten Tech-Geschichten des Jahres 2026 sein.

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