Nintendo vs Palworld: Streit um Mods als Prior Art eskaliert

Der Rechtsstreit verschärft sich: Nintendo lehnt Mods als Beweismittel ab – Der Patentstreit zwischen Nintendo und dem Palworld-Entwickler Pocketpair hat eine neue, kontroverse Wendung genommen. In jüngsten Gerichtsdokumenten argumentiert Nintendo, dass Modifikationen (Mods) von Videospielen nicht als „Prior Art“ – also als Nachweis bereits existierender Technologie – in Patentverfahren gelten sollten. Diese Position könnte weitreichende Folgen für die gesamte Gaming-Industrie und insbesondere die Modding-Community haben.

Hintergrund des Rechtsstreits

Im September 2024 reichten Nintendo und The Pokémon Company gemeinsam eine Patentklage gegen Pocketpair ein, den Entwickler des überaus erfolgreichen Survival-Spiels Palworld. Die Klage wirft dem Spiel vor, drei spezifische Nintendo-Patente zu verletzen:

Die umstrittenen Patente im Detail

Patent JP7545191: Dieses Patent beschreibt ein System zum Fangen von Kreaturen durch das Werfen eines Objekts (wie einem Pokéball) in einer virtuellen Umgebung. Es umfasst die Bestimmung der Zielrichtung basierend auf Spielereingaben und die Berechnung des Fangerfolgs.

Patent JP7493117: Hier geht es um ein System zum Zielen mit einem Fanggegenstand und die Berechnung der Fangwahrscheinlichkeit, bevor bestimmt wird, ob ein Ziel erfolgreich gefangen wurde.

Patent JP7528390: Dieses Patent beschreibt ein dynamisches System zum nahtlosen Wechsel zwischen reitbaren Objekten oder Reittieren, das es Spielern ermöglicht, flüssig zwischen verschiedenen Fortbewegungsarten zu wechseln.

Bemerkenswert ist, dass alle drei Patente erst nach der Veröffentlichung von Palworld im Januar 2024 eingereicht wurden – als sogenannte „Divisional Patents“, die sich auf ältere Anmeldungen aus dem Jahr 2021 beziehen.

Pocketpairs Verteidigungsstrategie: Prior Art aus der Modding-Szene

In ihrer im April 2025 öffentlich gewordenen Verteidigung verfolgt Pocketpair eine zweigleisige Strategie: Das Unternehmen bestreitet nicht nur die Patentverletzung, sondern stellt auch die Gültigkeit der Nintendo-Patente grundsätzlich infrage.

Der Pocket Souls Mod als Schlüsselargument

Ein zentrales Element der Verteidigung ist der „Pocket Souls“ Mod für Dark Souls 3, der am 12. September 2020 auf Nexus Mods veröffentlicht wurde – mehr als ein Jahr vor Nintendos ursprünglichen Patentanmeldungen. Diese Modifikation verwandelt Dark Souls 3 in ein Pokémon-ähnliches Spiel, in dem Spieler Gegner in einer „Abyssal Flask“ fangen und gegen andere Feinde oder Bosse kämpfen lassen können.

Pocketpair argumentiert, dass diese Mod zusammen mit anderen Spielen wie Final Fantasy XIV, Monster Hunter 4 Ultimate und ihrer eigenen früheren Produktion Craftopia aus dem Jahr 2021 beweist, dass die von Nintendo beanspruchten Mechaniken bereits vor den Patentanmeldungen öffentlich bekannt und in Gebrauch waren.

Nintendos kontroverse Gegenposition

In den Mitte September 2025 eingereichten Gerichtsdokumenten nimmt Nintendo eine harte Haltung ein: Das Unternehmen argumentiert, dass Mods grundsätzlich nicht als Prior Art qualifiziert werden können, da sie „ohne die zugrundeliegenden Spiele nicht funktionieren können“ und daher keine eigenständigen Erfindungen darstellen.

Expertenmeinungen zur Nintendo-Position

Der renommierte Patentanalyst Florian Mueller von Games Fray bezeichnet Nintendos Position als „extrem“. Er betont: „Gerichte lehnen normalerweise Versuche ab, den Pool der Prior-Art-Referenzen auf unvernünftige Weise einzuschränken.“ Mueller, der seit 15 Jahren Patentstreitigkeiten verfolgt, warnt vor den möglichen Konsequenzen dieser Argumentation.

„Wir sind besorgt darüber, was eine Übernahme von Nintendos Ansichten durch das Tokioter Bezirksgericht und möglicherweise andere Gerichte weltweit für die Modder-Community bedeuten würde“, erklärt Mueller. Seine Befürchtung: „Modder würden zu ‚Freiwild‘, da ihre Ideen von anderen patentiert werden könnten.“

Die rechtlichen Implikationen

Japanisches Patentrecht und Prior Art

Nach japanischem Patentrecht (Artikel 29 des japanischen Patentgesetzes) kann eine Erfindung nicht patentiert werden, wenn sie bereits vor der Patentanmeldung öffentlich bekannt war oder verwendet wurde. Die Frage, ob Mods unter diese Definition fallen, ist nun Gegenstand der gerichtlichen Auseinandersetzung.

Nintendos strategisches Dilemma

Laut Mueller steht Nintendo vor einem strategischen Dilemma: Das Unternehmen muss seine Patente breit genug interpretieren lassen, um eine Verletzung durch Palworld nachzuweisen, macht sie dadurch aber gleichzeitig anfälliger für Ungültigkeitserklärungen aufgrund von Prior Art.

Ungewöhnliche Entwicklungen im Verfahren

Patentänderungen während des laufenden Verfahrens

In einer höchst ungewöhnlichen Wendung hat Nintendo im Juli 2025 eine Änderung eines der strittigen Patente (JP7528390) beim japanischen Patentamt beantragt und genehmigt bekommen. Die Änderung fügte eigenartige Formulierungen wie „sogar wenn“ („even when“) hinzu – eine Wortwahl, die Mueller als „bizarr“ und in 15 Jahren Patentbeobachtung als beispiellos bezeichnet.

Diese Änderung wird von Experten als Zeichen der Schwäche interpretiert. „Es ist ein Hail Mary – ein verzweifelter Versuch zu gewinnen, indem man etwas Seltsames tut“, kommentiert Mueller die Entwicklung.

Pocketpairs „Moving Target“-Strategie

Parallel dazu hat Pocketpair bereits Änderungen an Palworld vorgenommen, um mögliche Patentverletzungen zu umgehen. Im November 2024 wurde die Möglichkeit entfernt, Pals durch das Werfen von Pokéball-ähnlichen „Pal Spheres“ zu beschwören. Im Mai 2025 folgte eine Änderung der Gleitmechanik im Spiel.

Auswirkungen auf die Gaming-Industrie

Gefahr für die Modding-Community

Sollte das Gericht Nintendos Position folgen, könnte dies verheerende Auswirkungen auf die Modding-Szene haben. Mods könnten nicht mehr als Schutz gegen Patentansprüche dienen, was bedeuten würde, dass große Unternehmen Spielmechaniken patentieren könnten, die ursprünglich von Hobbyprogrammierern entwickelt wurden.

Internationale Tragweite

Obwohl der Fall derzeit nur in Japan verhandelt wird, hat Nintendo bereits ähnliche Patente in den USA angemeldet und teilweise erhalten. Die US-Patentnummern 12,403,397 und 12,409,387 wurden kürzlich erteilt und könnten die Grundlage für eine Ausweitung des Rechtsstreits bilden.

Reaktionen anderer Entwickler

Der Fall wird von der gesamten Industrie aufmerksam verfolgt. Unternehmen wie Square Enix und Sega/Atlus, die ebenfalls „Monster-Fang“-Spiele im Portfolio haben, beobachten die Entwicklungen genau. Auch HoYoverses kommendes Spiel „Honkai: Nexus Anima“ könnte von den umstrittenen Patenten betroffen sein.

Finanzielle Forderungen und Zeitrahmen

Nintendo und The Pokémon Company fordern jeweils 5 Millionen Yen (etwa 30.000 Euro) Schadenersatz sowie eine Unterlassungsverfügung gegen Palworld. Angesichts der finanziellen Ressourcen von Nintendo erscheint die Summe eher symbolisch – Experten vermuten, dass es dem Unternehmen primär darum geht, Palworld vom Markt zu entfernen.

Erwarteter Verfahrensverlauf

Patentverfahren in Japan dauern durchschnittlich 18 bis 24 Monate. Durch Nintendos Patentänderung im Juli 2025 musste das Gericht viele Aspekte des Falls neu prüfen, was das Verfahren erheblich verzögert. Eine erstinstanzliche Entscheidung wird nicht vor Mitte 2026 erwartet.

Pocketpairs Zukunftspläne trotz Rechtsstreit

Trotz des laufenden Verfahrens arbeitet Pocketpair weiter an Palworld. Das Unternehmen hat angekündigt, dass das Spiel 2026 offiziell aus dem Early Access entlassen und als Version 1.0 veröffentlicht werden soll. „Wir haben eine wahrhaft massive Menge an Inhalten für das 1.0-Update geplant“, erklärte Communications Director John „Bucky“ Buckley.

Fazit: Ein Präzedenzfall mit weitreichenden Folgen

Der Ausgang dieses Rechtsstreits könnte die Zukunft der Videospielentwicklung maßgeblich beeinflussen. Sollte Nintendo mit seiner Position durchkommen, dass Mods nicht als Prior Art gelten, würde dies nicht nur die Rechte von Moddern schwächen, sondern könnte auch zu einer Welle von Patentklagen in der Gaming-Industrie führen.

Die Entscheidung des Tokioter Bezirksgerichts wird mit Spannung erwartet, da sie möglicherweise einen internationalen Präzedenzfall schaffen könnte. Für die kreative und innovative Modding-Community steht viel auf dem Spiel – ihre Arbeit könnte künftig nicht mehr als Schutz vor Patentansprüchen großer Unternehmen dienen.

Der Fall Nintendo vs. Pocketpair zeigt einmal mehr die Spannungen zwischen etablierten Branchenriesen und innovativen Indie-Entwicklern auf. Während Nintendo seine geistigen Eigentumsrechte schützen möchte, kämpft Pocketpair für die Freiheit, bestehende Spielmechaniken weiterzuentwickeln – ein Prinzip, das die Videospielindustrie seit ihren Anfängen geprägt hat.

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