MindsEye-Entwickler verklagen Build a Rocket Boy wegen heimlicher Überwachungssoftware

Die Probleme rund um das Studio Build a Rocket Boy (BARB) und dessen Debüttitel MindsEye reißen nicht ab. Gewerkschaftlich organisierte Mitarbeiter des in Edinburgh ansässigen Studios haben nun rechtliche Schritte gegen ihren Arbeitgeber eingeleitet. Der Vorwurf: Die Studioführung habe ohne Wissen oder Zustimmung der Belegschaft eine invasive Überwachungssoftware namens Teramind auf deren Arbeitsgeräten installiert.

Teramind: Überwachung im Homeoffice ohne Zustimmung

Die Klage wird von der IWGB Game Workers Union im Namen der betroffenen Mitarbeiter geführt. Laut der Gewerkschaft ist Teramind eine Software, die in der Lage ist, Tastatureingaben aufzuzeichnen, Bildschirmaktivitäten zu erfassen und sogar Mikrofon-Audio mitzuschneiden. Besonders brisant: Viele Mitarbeiter arbeiteten aus dem Homeoffice, sodass die Software potenziell auch private Daten und Gespräche in den eigenen vier Wänden erfasst haben könnte.

Die Beschäftigten bemerkten die Software erst, als ihre Rechner deutlich langsamer liefen als gewöhnlich. In einem internen Meeting, das später an die Presse geleakt wurde, bestätigten die Co-CEOs Mark Gerhard und Leslie Benzies die Installation von Teramind – ohne dass die Belegschaft zuvor informiert worden war. Laut forensischen Aufzeichnungen der Gewerkschaft war die Software über einen Zeitraum von rund zehn Wochen zwischen Januar und März 2026 auf mindestens 35 Geräten aktiv.

Nachdem 40 Mitarbeiter eine gemeinsame Beschwerde eingereicht hatten, wurde Teramind im März 2026 von den Geräten entfernt. Die Studioführung weigert sich jedoch bis heute offenzulegen, welche Daten gesammelt wurden, wie diese gespeichert werden und auf welcher Rechtsgrundlage die Installation erfolgte.

Gewerkschaft: „Verstößt gegen Datenschutzgesetze und die grundlegende Würde der Belegschaft“

Die IWGB Game Workers Union hat die Maßnahmen des Studios scharf verurteilt. In einer offiziellen Stellungnahme erklärte die Gewerkschaft, dass der Einsatz von Teramind sowohl gegen britische Datenschutzgesetze als auch gegen die grundlegende Würde der Beschäftigten verstoße. Die Software gehe weit über das hinaus, was für eine Produktivitätskontrolle oder den Schutz von Unternehmensinteressen legitim wäre.

Chris Wilson, Lead Cinematic Animator bei Build a Rocket Boy und Gewerkschaftsmitglied, beschrieb die Situation als eine der schlimmsten, die er in seiner 20-jährigen Karriere in der Spieleindustrie erlebt habe. Die toxische Kultur der Geheimhaltung und des Mikromanagements habe eine Atmosphäre des Misstrauens geschaffen, die konzentriertes Arbeiten nahezu unmöglich gemacht habe.

Spring McParlin Jones, Vorsitzende des IWGB Game Workers Branch, ergänzte, dass die Arbeiter sich gegen das Mobbing durch das Management gewehrt hätten und die Studioführung zur Rechenschaft gezwungen hätten.

ICO prüft den Fall – Millionenstrafe droht

Die Gewerkschaft eskaliert den Fall über zwei Wege: Zum einen über das britische Information Commissioner's Office (ICO) wegen Datenschutzverstößen, zum anderen über den Advisory, Conciliation and Arbitration Service (ACAS) wegen möglicher unrechtmäßiger Kündigungsansprüche. Ein ICO-Sprecher bestätigte gegenüber Game Developer, dass eine entsprechende Beschwerde eingegangen sei und erste Ermittlungen eingeleitet wurden. Im Falle schwerwiegender Verstöße gegen die britische DSGVO kann das ICO Geldstrafen von bis zu 17,5 Millionen Pfund (rund 20,5 Millionen Euro) oder 4 Prozent des weltweiten Jahresumsatzes verhängen.

Studioführung kontert mit Sabotage-Vorwürfen

Die Reaktion der Studioführung auf die Vorwürfe fällt bemerkenswert aus. Co-CEO Mark Gerhard behauptet seit Monaten, dass der desaströse Launch von MindsEye das Ergebnis von „organisierter Spionage und korporativer Sabotage“ gewesen sei. Er beschuldigt insbesondere eine Agentur namens Ritual Network, das Projekt systematisch untergraben zu haben. Das Studio gibt an, „überwältigende Beweise“ für diese Sabotage gesammelt zu haben und mit Strafverfolgungsbehörden in Großbritannien und den USA zusammenzuarbeiten.

In einem besonders ungewöhnlichen Schritt plant BARB die Veröffentlichung einer In-Game-Mission namens „Blacklist“, die den Spielern angeblich die Beweise für den behaupteten Verrat präsentieren soll. Gerhard rechtfertigt die drastischen Überwachungsmaßnahmen damit, dass es darum gegangen sei, „das eine Prozent zu finden, das das Problem ist“.

Zweite Klagefront: Massenentlassungen und Blacklisting

Die Überwachungsklage ist nicht der einzige juristische Kampf, dem sich Build a Rocket Boy stellen muss. Bereits am 12. April 2026 reichten IWGB-Mitglieder weitere Klagen ein, die sich auf die Handhabung einer Massenentlassung von rund 300 Mitarbeitern im Sommer 2025 beziehen. Die Vorwürfe umfassen unrechtmäßiges Blacklisting, Benachteiligung und das Versäumnis, kollektive Konsultationen durchzuführen. Bei Erfolg könnten diese Klagen das Studio Millionen kosten.

Bereits Ende 2025 hatten Mitarbeiter in einem offenen Brief der Studioführung „korrosives Missmanagement“ vorgeworfen. Ehemalige Mitarbeiter berichten, dass die eigentlichen Probleme des Studios in Crunch-Phasen und fehlender kreativer Richtung liegen – nicht in der von der Geschäftsführung behaupteten Sabotage.

MindsEye: Einer der schlimmsten Launches der Spielegeschichte

Zur Einordnung: MindsEye erschien am 10. Juni 2025 für PC, PS5 und Xbox Series X/S und wurde von Spielern wie Kritikern gleichermaßen zerrissen. Auf Metacritic erreichte das Spiel einen Metascore von nur 37 von 100 – der niedrigste Wert aller Spiele im Jahr 2025. Der User-Score lag bei gerade einmal 2,5 von 10. Das Spiel, das als Debüttitel des von Ex-GTA-Produzent Leslie Benzies gegründeten Studios große Erwartungen geweckt hatte, war zum Launch voller Bugs, litt unter massiven Performance-Problemen und enttäuschte mit einer schwachen Story und eintönigem Gameplay.

Im März 2026 ging dann auch noch die Publishing-Partnerschaft mit IOI Partners (der Publishing-Sparte von IO Interactive, den Machern der Hitman-Reihe) zu Ende. Seit dem 16. März 2026 verantwortet Build a Rocket Boy das Publishing von MindsEye alleine. Die geplante Hitman-Crossover-Mission, die ursprünglich als besonderes Event angekündigt worden war, wurde im Zuge der Trennung ersatzlos gestrichen.

Ungewisse Zukunft für Studio und Spiel

Die Lage für Build a Rocket Boy ist damit auf mehreren Ebenen prekär. Das Studio steht vor mindestens zwei Klagefronten, hat seinen Publisher verloren, musste hunderte Mitarbeiter entlassen und kämpft mit einem Spiel, das nach wie vor einen der schlechtesten Launches der jüngeren Gaming-Geschichte hinter sich hat. Während die Studioführung weiterhin externe Saboteure für die Probleme verantwortlich macht, deuten die Berichte ehemaliger und aktueller Mitarbeiter auf tiefgreifende interne Managementprobleme hin.

Ob MindsEye noch gerettet werden kann und ob Build a Rocket Boy die wachsenden juristischen und finanziellen Herausforderungen übersteht, bleibt abzuwarten. Die kommenden Monate dürften für alle Beteiligten entscheidend werden.

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