Microsoft steht offenbar vor der Schließung von Compulsion Games, dem Entwicklerstudio hinter dem 2025 erschienenen Action-Adventure South of Midnight. Der Schritt ist Teil eines weitreichenden Umbaus der Xbox-Sparte, der nach Berichten mehrerer US-Medien längst nicht beim Studio aus Montreal halt machen dürfte. Auch Schwergewichte wie Double Fine und Ninja Theory sollen auf der Kippe stehen.
Zuerst berichtete das US-Portal Kotaku, dass Microsoft die Schließung von Compulsion Games plane. Insider Gaming bestätigte die Meldung kurz darauf mit eigenen Quellen. Laut Kotaku stehe noch nicht endgültig fest, wie viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter betroffen sein werden – die LinkedIn-Seite des Studios nennt rund 90 Beschäftigte, das tatsächliche Team soll jedoch deutlich größer sein. Mehrere Compulsion-Angestellte haben bereits öffentlich nach neuen Jobs gesucht.
Verhandlungen statt klarer Abwicklung

So eindeutig, wie die ersten Schlagzeilen klangen, ist die Lage allerdings nicht. Quellen aus dem Umfeld von Compulsion Games erklärten, dass sich das Studio in Verhandlungen mit Microsoft über seine Zukunft befinde. Konkrete Details wurden bislang nicht genannt. Die Meldung kommt nur rund zwei Monate, nachdem Compulsion noch aktiv Programmierer für ein „faszinierendes, neues IP-Projekt“ gesucht hatte. Was aus diesem nicht angekündigten Spiel wird, ist angesichts der unsicheren Studio-Zukunft völlig offen.
Weder Microsoft noch Compulsion Games haben sich zum Zeitpunkt der Veröffentlichung offiziell geäußert.
Compulsion ist kein Einzelfall: Auch Double Fine und Ninja Theory betroffen
Kurz nach der ersten Meldung folgte ein Bericht von Bloomberg-Reporter Jason Schreier, der das Bild deutlich vergrößerte. Demnach befinden sich gleich mehrere Xbox-Studios in aktiven Verhandlungen, um sich aus Microsoft auszugliedern und so einer Schließung zu entgehen. Namentlich genannt werden:
| Studio | Sitz | Bekannt für |
|---|---|---|
| Compulsion Games | Montreal, Kanada | South of Midnight, We Happy Few, Contrast |
| Double Fine | San Francisco, USA | Psychonauts-Reihe, Brütal Legend, Broken Age, Kiln, Keeper |
| Ninja Theory | Cambridge, England | Hellblade-Reihe, zuletzt das neu angekündigte „Senua“ |
Hinzu kommen laut Bloomberg „mehrere weitere Studios“ aus dem Portfolio, die ebenfalls gefährdet sein sollen. Die betroffenen Teams hätten die Möglichkeit, sich von Microsoft zurückzukaufen und wieder unabhängig zu werden – oder neue Geldgeber zu finden. Schreier macht jedoch klar: Selbst bei einer erfolgreichen Ausgliederung dürften viele Angestellte ihre Jobs verlieren. Beschäftigte mehrerer Studios seien bereits über die Situation informiert worden und hätten die Erlaubnis erhalten, sich nach neuen Stellen umzusehen. Der Status der Studios sei aber weiterhin „im Fluss“.
Besonders bitter: Ninja Theory hatte erst wenige Tage zuvor beim Xbox Games Showcase mit Senua ein neues Hellblade-Spiel vorgestellt. Laut einem Bericht von The Verge soll das Studio schließen, sofern sich kein Käufer findet. Double Fine, vor 26 Jahren vom früheren LucasArts-Entwickler Tim Schafer gegründet, veröffentlichte zuletzt das Party-Spiel Kiln und das Puzzle-Adventure Keeper.
„South of Midnight“: Ausgezeichnet und trotzdem auf der Kippe

Dass es ausgerechnet Compulsion treffen könnte, wirkt aus Sicht der Kritik paradox. South of Midnight erschien 2025 und inszeniert die Folklore und Kultur des amerikanischen Südens. Im Metacritic-Schnitt steht das Spiel bei soliden 77 Punkten und sammelte eine bemerkenswerte Reihe an Auszeichnungen ein:
| Auszeichnung | Verleihung |
|---|---|
| Games for Impact | The Game Awards 2025 |
| Best New Intellectual Property | 22. BAFTA Game Awards |
| Outstanding Achievement in Animation | D.I.C.E. Awards |
| Peabody Award | Peabody Awards 2026 |
| 7 Auszeichnungen, u. a. Game of the Year | Canadian Game Awards (21. Mai 2026) |
Innerhalb der ersten drei Wochen erreichte das Spiel über eine Million Spielerinnen und Spieler. Am 31. März 2026 erschien South of Midnight zudem für PS5 und Switch 2 – im Rahmen von Microsofts Strategie, ehemals exklusive Marken auf weitere Plattformen zu bringen. Über den Xbox Game Pass ist der Titel weiterhin für Premium-, Ultimate- und PC-Abonnenten verfügbar.
Studio-Chef Guillaume Provost hatte die Rolle von Compulsion einmal so beschrieben: Man sei nicht dazu da, Blockbuster wie Call of Duty zu produzieren, sondern Spiele mit eigener Handschrift – für Zielgruppen, die bislang kaum bedient wurden. Ironischerweise lobten Microsofts neue Führungskräfte das Studio noch im April: Xbox-Chefin Asha Sharma gratulierte Compulsion öffentlich zum Peabody Award und nannte ihn „eine verdiente Anerkennung für Geschichten, die wirklich zählen“.
Der „Xbox Reset“: Hintergrund der Sparmaßnahmen

Die drohenden Schließungen sind Teil eines auf 100 Tage angelegten „Xbox Reset“ unter der neuen Führung. In einem am 10. Juni 2026 auf Xbox Wire veröffentlichten Memo zeichneten Asha Sharma und der neue Chief Creative Officer Matt Booty ein ernüchterndes Bild: Xbox sei durch die zahlreichen Studio-Zukäufe „überdehnt“.
Die Zahlen aus dem Schreiben sind deutlich: Trotz Investitionen von über 20 Milliarden US-Dollar in den vergangenen fünf Jahren (den Kauf von Activision Blizzard ausgenommen) sei der Jahresumsatz im selben Zeitraum um knapp eine halbe Milliarde US-Dollar gesunken. Die Hardware-Kosten hätten sich vervierfacht, die Gewinnmarge auf rund drei Prozent verschlechtert. Sharmas Fazit fiel unmissverständlich aus: So könne es nicht weitergehen.
Konkrete Entlassungen nannte das Memo zwar nicht, doch Bloomberg und The Verge berichten übereinstimmend von umfangreichen Stellenstreichungen, die kurz nach dem Ende des Microsoft-Geschäftsjahres am 30. Juni 2026 – also voraussichtlich im Juli – greifen sollen. Auch Marketing-Budgets und weitere Ausgaben stehen demnach auf dem Prüfstand.
Führungsetage in Bewegung

Parallel zu den Studio-Berichten häufen sich die personellen Wechsel an der Spitze. Nur Stunden vor der Compulsion-Meldung wurde bekannt, dass Craig Duncan, Chef der Xbox Game Studios, das Unternehmen verlässt – nach nur rund 20 Monaten im Amt. Duncan hatte zuvor fast 14 Jahre lang das Sea-of-Thieves-Studio Rare geleitet. Auch Louise O'Connor, Stabschefin der Xbox Game Studios und seit 1999 bei Rare, geht. Die Xbox Game Studios berichten künftig direkt an Matt Booty, bis ein Nachfolger gefunden ist.
Die Wechsel reihen sich in einen größeren Umbruch ein: Langzeit-Chef Phil Spencer war bereits Anfang 2026 in den Ruhestand gegangen, auch Xbox-Präsidentin Sarah Bond verließ den Konzern. Asha Sharma, zuvor in Microsofts Core-AI-Bereich tätig, übernahm den Posten der Microsoft-Gaming-CEO.
Steht sogar ein Xbox-Verkauf im Raum?

Der finanzielle Umbau könnte noch weiter reichen. Ein separater Bericht vom 12. Juni 2026 brachte ins Spiel, dass ein Verkauf von Xbox für Microsoft „auf dem Tisch“ liege. Denkbar wäre demnach, Xbox – ähnlich wie GitHub – in eine hundertprozentige Tochtergesellschaft umzuwandeln. Diese könnte anschließend entweder verkauft oder als Joint Venture mit anderen Partnern weitergeführt werden.
Gleichzeitig soll Microsoft verstärkt auf seine großen Marken wie Halo, The Elder Scrolls und Fallout setzen, um schneller mehr First-Party-Titel zu produzieren. Für kleinere, kreativ eigenständige Studios wie Compulsion Games bedeutet diese Strategie offenbar wenig Gutes.
Noch ist nichts endgültig entschieden: Die Verhandlungen laufen, offizielle Stellungnahmen von Microsoft fehlen, und einige Studios könnten als unabhängige Entwickler überleben. Klar ist jedoch die Richtung. Microsoft bewegt sich weg von der „Größe als Strategie“ hin zur „Selektivität als Überlebensprinzip“. Welche der vielfach ausgezeichneten Kreativschmieden diesen Kurswechsel übersteht, dürften die kommenden Wochen zeigen – spätestens nach dem 30. Juni.