GameStop-CEO Ryan Cohen hat am 4. Mai 2026 offiziell bestätigt, dass der Videospielehändler ein unaufgefordertes Übernahmeangebot an eBay gerichtet hat. Der Kaufpreis: 125 Dollar pro Aktie, insgesamt rund 55,5 Milliarden Dollar. Damit würde ein Unternehmen mit einer Marktkapitalisierung von etwa 11 Milliarden Dollar einen viermal größeren Konzern schlucken – ein in der US-Wirtschaftsgeschichte nahezu beispielloser Vorgang.
Das Angebot im Detail
Laut der offiziellen SEC-Einreichung von GameStop setzt sich das Angebot aus 50 Prozent Barmitteln und 50 Prozent GameStop-Aktien zusammen. Die 125 Dollar pro Aktie entsprechen einem Aufschlag von 46 Prozent auf eBays Schlusskurs vom 4. Februar 2026 – dem Tag, an dem GameStop begann, still und leise eBay-Anteile aufzukaufen. Gemessen am 30-Tage-VWAP liegt die Prämie bei 27 Prozent, am 90-Tage-VWAP bei 36 Prozent. Zum Schlusskurs vom vergangenen Freitag (104,07 Dollar) beträgt der Aufschlag immerhin noch rund 20 Prozent.
GameStop hat nach eigenen Angaben bereits einen wirtschaftlichen Anteil von rund 5 Prozent an eBay aufgebaut – hauptsächlich über Derivate und direkten Aktienbesitz. Die Finanzierung der Barkomponente soll aus den eigenen Reserven von rund 9,4 Milliarden Dollar sowie einer Fremdfinanzierungszusage von TD Securities über bis zu 20 Milliarden Dollar stemmen. GameStop hat zudem angekündigt, eine HSR-Meldung (Hart-Scott-Rodino) bei den US-Kartellbehörden einzureichen.
Ryan Cohens Vision: Ein Amazon-Herausforderer

Cohen, der 2011 den Online-Tierbedarf-Händler Chewy gründete und 2017 für 3,35 Milliarden Dollar an PetSmart verkaufte, verfolgt mit der eBay-Übernahme ein großes Ziel: Die Fusion der beiden Unternehmen soll einen ernsthaften Konkurrenten zu Amazon schaffen. Cohen übernahm 2023 die CEO-Position bei GameStop, nachdem er bereits seit 2021 im Vorstand saß – mitten im legendären Meme-Stock-Hype, als Kleinanleger über Reddit den GameStop-Kurs um über 1.600 Prozent in die Höhe trieben.
Im Kern seiner Strategie steht ein ambitioniertes Sparprogramm: Innerhalb von zwölf Monaten nach Abschluss der Übernahme will Cohen 2 Milliarden Dollar an jährlichen Kosten bei eBay einsparen. Aufgeteilt in 1,2 Milliarden Dollar bei Vertrieb und Marketing, 300 Millionen Dollar bei der Produktentwicklung und 500 Millionen Dollar bei den allgemeinen Verwaltungskosten. Der Effekt wäre nach Cohens Rechnung erheblich: eBays verwässerter Gewinn pro Aktie würde allein durch die Kostenreduktionen von 4,26 Dollar auf 7,79 Dollar steigen.
Ein weiterer zentraler Baustein: GameStops rund 1.600 Filialen in den USA sollen als Authentifizierungs- und Abwicklungszentren für eBay-Verkäufe dienen. Besonders bei Sammelkarten, Retro-Games und Vintage-Sammlerstücken sieht Cohen natürliche Synergien zwischen beiden Unternehmen.
eBay reagiert verhalten

eBay bestätigte den Erhalt des unaufgeforderten Angebots und stellte klar, dass es vor der Offerte keinerlei Gespräche mit GameStop gegeben habe. Der Vorstand werde den Vorschlag zusammen mit Finanz- und Rechtsberatern sorgfältig prüfen und sich dabei auf den Mehrwert für die eBay-Aktionäre konzentrieren – einschließlich des Werts der angebotenen GameStop-Aktien und der Fähigkeit von GameStop, ein verbindliches Angebot vorzulegen. Bis zum Abschluss der Prüfung forderte eBay seine Aktionäre auf, keine Maßnahmen zu ergreifen.
Cohen zeigte sich in einem CNBC-Interview kampfbereit: Sollte eBay das Angebot ablehnen, sei er bereit, die Übernahme als feindliche Offerte direkt an die eBay-Aktionäre zu richten. In einem sogenannten Proxy Fight würde er dann versuchen, die Aktionäre direkt von dem Deal zu überzeugen.
Analysten und Märkte sind skeptisch
Die Marktreaktion fiel gemischt aus: Die eBay-Aktie legte am Montag um rund 5,5 Prozent zu und notierte bei etwa 109 Dollar – deutlich unter dem angebotenen Preis von 125 Dollar, was die Skepsis der Investoren widerspiegelt. GameStop-Aktien fielen dagegen um mehr als 10 Prozent, da Anleger eine massive Verwässerung bestehender Anteile befürchten.

Die Analystenurteile fielen überwiegend kritisch aus. Stifel bestätigte sein „Hold“-Rating für eBay und äußerte sich skeptisch hinsichtlich einer erfolgreichen Transaktion. Das Analysehaus verwies auf das erhebliche Integrationsrisiko und hielt die angestrebten Synergien von 2 Milliarden Dollar innerhalb von 12 Monaten für ein ehrgeiziges Ziel. Truist Securities erhöhte sein Kursziel für eBay auf 105 Dollar, behielt aber ebenfalls die „Hold“-Einstufung bei. Bernstein kommentierte die Lage bei eBay mit den Worten, die laufende Wende funktioniere bereits – warum also alles durcheinanderbringen?
Baird-Analyst Colin Sebastian schätzte, dass GameStop über eine Milliarde neue Aktien ausgeben müsste, um die Übernahme zu finanzieren. Das würde bestehende Aktionäre auf lediglich 25 bis 30 Prozent des kombinierten Unternehmens verwässern. Auf Prognosemärkten wie Kalshi und Polymarket gaben Händler dem Deal nur eine Chance von 15 bis 26 Prozent.
Cohens CNBC-Auftritt sorgt für Irritationen
In einem als konfrontativ beschriebenen Interview auf CNBC's „Squawk Box“ wich Cohen konkreten Fragen zur Finanzierung des Deals weitgehend aus und verwies wiederholt auf die GameStop-Website. Auf die Frage, wie ein 12-Milliarden-Dollar-Unternehmen einen 46-Milliarden-Dollar-Konzern kaufen könne, konterte Cohen mit Verweis auf GameStops Turnaround: Unter seiner Führung habe das Unternehmen den Wandel von 381 Millionen Dollar Nettoverlust im Geschäftsjahr 2021 zu 418 Millionen Dollar Nettogewinn im Geschäftsjahr 2025 geschafft, bei gleichzeitiger Reduktion der Vertriebs- und Verwaltungskosten um rund 800 Millionen Dollar (47 Prozent).
Sollte der Deal tatsächlich zustande kommen, würde Cohen als CEO des kombinierten Unternehmens fungieren – ohne Gehalt, ohne Bargeldbonus, ohne goldenen Fallschirm. Seine Vergütung wäre ausschließlich an die Performance des fusionierten Konzerns gekoppelt. Anfang 2026 hatte GameStops Vorstand Cohen bereits ein leistungsbasiertes Aktienoptionspaket über 171,5 Millionen Aktien gewährt, das bei vollem Erreichen aller Ziele – darunter eine Marktkapitalisierung von 100 Milliarden Dollar und 10 Milliarden Dollar kumulatives EBITDA – rund 35 Milliarden Dollar wert wäre.
Zwei angeschlagene Riesen gegen Amazon?
Die strategische Logik hinter dem Deal wirft Fragen auf. Sowohl GameStop als auch eBay kämpfen seit Jahren gegen den gleichen übermächtigen Konkurrenten: Amazon. GameStops Jahresumsatz ist von 6 Milliarden Dollar im Jahr 2021 auf 3,6 Milliarden Dollar geschrumpft, da immer mehr Kunden ihre Spiele digital kaufen. eBay wiederum erzielte zuletzt einen Jahresumsatz von 11,6 Milliarden Dollar und einen Nettogewinn von 2 Milliarden Dollar, sieht sich aber mit Beschwerden von Verkäufern über steigende Gebühren und sinkende Margen konfrontiert.
Der vielversprechendste Ansatz der Fusion liegt im Bereich Sammlerstücke und Retro-Gaming. GameStop-Filialen als Authentifizierungszentren für eBay-Verkäufe von Sammelkarten und Retro-Spielen könnten tatsächlich einen Mehrwert schaffen. Doch Kritiker wenden ein, dass es sich dabei um Nischenmärkte handelt, die kaum genug Umsatz generieren, um einen 55,5-Milliarden-Dollar-Deal zu rechtfertigen. Die Fusion zweier Unternehmen, die beide seit einem Jahrzehnt gegen einen sich verändernden Verbrauchermarkt ankämpfen, erscheint vielen Beobachtern als riskantes Unterfangen.
Klar ist: Die nächsten Wochen werden zeigen, ob Cohens ambitionierter Plan Realität wird oder als gescheiterter Übernahmeversuch in die Geschichte eingeht. Laut Berichten des Wall Street Journal arbeitet GameStop an einem konkreten verbindlichen Angebot, das bis Ende Mai vorgelegt werden soll. Sollte eBays Vorstand dieses ablehnen, steht ein öffentlicher Machtkampf um die Aktionärsstimmen bevor – und damit ein neues Kapitel in der ohnehin turbulenten Geschichte des ehemaligen Meme-Stock-Unternehmens.
