Hilmar Pétursson, CEO von CCP Games, hat große Pläne. Der isländische Entwickler-Veteran, der seit über 20 Jahren die Geschicke des legendären Space-MMOs EVE Online lenkt, arbeitet an einem radikalen Experiment: EVE Frontier soll nicht nur ein neues Spiel im EVE-Universum werden – es soll buchstäblich unsterblich sein.
„EVE Online kann jederzeit abgeschaltet werden. Es ist eine Datenbank in London, die einem Unternehmen gehört“, erklärt Pétursson im Interview mit Polygon. „Das sollte nicht so sein. Es sollte wie das Internet sein. Niemand kann es stoppen, es wird einfach existieren.“
Blockchain als Grundstein der Unsterblichkeit
EVE Frontier mag oberflächlich wie sein großer Bruder aussehen – Raumschiffe, Kämpfe, Mining und Basisbau in einem entlegenen Teil des EVE-Universums. Doch unter der Haube verbirgt sich revolutionäre Technologie:
Smart Assemblies ermöglichen es Spielern, eigene Tools zu entwickeln und neue Spielregeln direkt auf die Server zu schreiben – im Grunde integriertes Modding in einem MMO. Das Ganze basiert auf Blockchain-Technologie, die Kryptowährungs-Handel und den Aufbau echter Geschäfte innerhalb des Spiels ermöglichen soll.
Péturssons Vision reicht bis in die späten 90er Jahre zurück, als er an dezentralisierten Architekturen arbeitete. „Das Internet wurde von DARPA erschaffen, damit es nicht zerstört werden kann“, philosophiert er. Diese Resilienz will er nun auf Gaming übertragen.
Community in Aufruhr
Die Reaktion der EVE Online-Community fällt erwartungsgemäß kontrovers aus. Viele Veteranen sind skeptisch gegenüber der Integration von Blockchain und Kryptowährungen. Die Befürchtungen drehen sich hauptsächlich um das Geschäftsmodell und die Angst vor einem „Pay-to-Win“-System.
Pétursson zeigt Verständnis für die Kritik: „Wenn eine Technologie hauptsächlich für Mist benutzt wurde, dann wird sie natürlich damit assoziiert.“ Er verweist jedoch auf die aktiven Spieler im EVE Frontier-Subreddit, die deutlich positiver über das Projekt sprechen als externe Beobachter.
Ein „böses“ Spiel für Erwachsene
Besonders provokant ist Péturssons Charakterisierung von EVE Frontier als „böses Spiel“. Das düstere Survival-Setting sei bewusst gewählt: „Dies ist ein böses Spiel. Es ist gefährlich. Sie sollten das wahrscheinlich nicht tun. CCP hat das wahrscheinlich nicht vollständig durchdacht.“
Er vergleicht es mit dem Besteigen des Mount Everest – gefährlich, möglicherweise dumm, aber einwilligenden Erwachsenen sollte es erlaubt sein. Diese Philosophie spiegelt sich im gesamten Design wider: brutal, kapitalistisch, höllisch.
Geschäftsmodell: Evolution statt Revolution
Trotz der Blockchain-Integration plant CCP ein vertrautes Geschäftsmodell. Wie bei EVE Online soll es ein Abonnement-System geben, ergänzt durch Peer-to-Peer-Handel ähnlich dem PLEX-System.
Der entscheidende Unterschied liegt in der offenen Wirtschaft: Spieler sollen echte Geschäfte aufbauen können. Pétursson, geprägt von seiner Kindheit im wirtschaftlich isolierten Island, träumt von einer virtuellen Welt ohne künstliche Währungsgrenzen. „Man kann ISK nicht aus EVE Online herausholen, genauso wenig wie man früher Isländische Kronen aus Island herausholen konnte.“
Die Zukunft des „ewigen“ Gamings
EVE Frontier repräsentiert mehr als nur ein neues Spiel – es ist ein Experiment in digitaler Beständigkeit. In Zeiten, in denen die „Stop Killing Games“-Bewegung an Fahrt gewinnt und Spieler zunehmend um die Langlebigkeit ihrer digitalen Welten besorgt sind, könnte CCPs Ansatz wegweisend sein.
Ob das Experiment gelingt, bleibt abzuwarten. Pétursson selbst gibt zu, dass sie „den Kraken auf die Welt loslassen“. Doch genau diese Ungewissheit, diese Gefahr des Scheiterns, scheint Teil der Faszination zu sein.
EVE Frontier ist ein mutiges, kontroverses und möglicherweise brillantes Experiment. Es fordert unsere Vorstellungen davon heraus, was Online-Spiele sein können und wem sie gehören sollten. Ob es die Zukunft des Gaming darstellt oder als gescheitertes Blockchain-Experiment endet, wird die Zeit zeigen. Eines ist sicher: Langweilig wird es nicht.