Marc-Alexis Côté, der langjährige Kopf der Assassin's Creed-Franchise, hat eine Klage gegen seinen ehemaligen Arbeitgeber Ubisoft eingereicht. Der Entwickler fordert umgerechnet knapp 930.000 US-Dollar Schadensersatz und wirft dem Publisher vor, ihn durch eine Degradierung faktisch zur Kündigung gezwungen zu haben.
20 Jahre Ubisoft enden im Rechtsstreit
Die Klage wurde laut kanadischen Medienberichten am 16. Januar 2026 beim Superior Court of Quebec eingereicht. Côté, der über zwei Jahrzehnte bei Ubisoft tätig war, fordert insgesamt 1,3 Millionen kanadische Dollar – darunter zwei Jahresgehälter sowie 75.000 Dollar für moralische Schäden. Der Vorwurf: konstruktive Kündigung nach kanadischem Arbeitsrecht.
Von März 2022 bis Oktober 2025 leitete Côté als Vice President und Executive Producer die gesamte Assassin's Creed-Marke und berichtete direkt an CEO Yves Guillemot. Seine Arbeit an der Serie begann bereits 2010 mit Assassin's Creed Brotherhood. In einem emotionalen LinkedIn-Post bezeichnete er sich als „Kapitän des Assassin's Creed-Schiffs“, der erst von Bord geht, wenn jede Seele sicher ist.
Vantage Studios als Wendepunkt
Der Konflikt entstand durch die Gründung von Vantage Studios – einer neuen Tochtergesellschaft, die Ubisoft in Partnerschaft mit Tencent für 1,16 Milliarden Euro ins Leben rief. Tencent erhielt dafür etwa 25 Prozent der Anteile. Vantage sollte die profitabelsten Franchises des Publishers verwalten: Assassin's Creed, Far Cry und Rainbow Six Siege.
Laut Klageschrift erfuhr Côté in einem Treffen im Sommer 2025, dass er nicht länger die Führung über Assassin's Creed behalten würde. Stattdessen plante Ubisoft die Einstellung eines „Head of Franchise“, der alle großen Marken überwachen sollte – eine Position, die ausschließlich in Frankreich angesiedelt sein würde. Für Côté hätte dies bedeutet, mit seiner Familie nach Europa umzuziehen oder eine deutliche Degradierung in Kauf zu nehmen.
Unter der Leitung von Christophe Derennes und Charlie Guillemot (Sohn von CEO Yves Guillemot) bot Vantage Studios Côté alternative Positionen an: einen Job als Produktionsleiter oder die Leitung eines „Creative House“ für eine kleinere Franchise. Beide Optionen waren für ihn „inakzeptabel“, da sein Einfluss durch die Umstrukturierung „zerbröckelt“ sei, wie es in der Klage heißt.
Freiwilliger Rücktritt oder Zwangskündigung?
Als Côté die neuen Positionen ablehnte und im Oktober 2025 seine Abfindung einforderte, verkündete Ubisoft überraschend am nächsten Tag intern und öffentlich seinen „freiwilligen“ Rücktritt. Der Entwickler widersprach dieser Darstellung umgehend auf LinkedIn: „Ich bin nicht gegangen. Ich blieb auf meinem Posten, bis Ubisoft mich bat, zur Seite zu treten.“ In seinem Post betonte er, dass er die Entscheidung zu gehen nicht selbst getroffen habe.
Côté's Anwälte argumentieren, dass die Wahl zwischen einer unzumutbaren Degradierung und der Kündigung einer konstruktiven Entlassung gleichkommt. Nach kanadischem Arbeitsrecht würde ihm daher die volle Abfindung zustehen. Da Ubisoft seinen Weggang als Rücktritt wertete, erhielt er keine Abfindungszahlung.
Wettbewerbsklausel behindert Karriere
Neben der finanziellen Entschädigung fordert Côté auch die Aufhebung einer Wettbewerbsklausel, die seine beruflichen Möglichkeiten in der Spielebranche einschränkt. In einem ohnehin schwachen Arbeitsmarkt erschwere diese Klausel seine Jobsuche erheblich, wie Radio-Canada berichtet.
Die Klage wirft auch ein kritisches Licht auf Côté's Reputation. Er behauptet, Ubisoft habe seinen Ruf durch die öffentliche Darstellung seines Ausscheidens beschädigt. Vantage-Co-CEO Christophe Derennes hatte sich damals „enttäuscht“ über Côté's Entscheidung geäußert, das Angebot nicht anzunehmen.
Assassin's Creed Shadows als letztes Projekt
Die Klage kommt kurz vor dem ersten Jahrestag von Assassin's Creed Shadows, dem letzten Titel der Franchise unter Côté's Führung. Das am 20. März 2025 erschienene Japan-Abenteuer hatte einen turbulenten Start: Nach anfänglich positiven Verkaufszahlen – 2 Millionen Spieler nach zwei Tagen und der zweitbeste Franchise-Start nach Valhalla – zeichneten spätere Analysen ein gemischtes Bild.
Laut Branchenberichten verkaufte sich Shadows bis November 2025 schätzungsweise 4,3 Millionen Mal – deutlich hinter Valhalla mit 20 Millionen Verkäufen und sogar hinter dem kleineren Mirage mit 5 Millionen Einheiten. Besonders in Japan, dem Setting des Spiels, blieb der Erfolg aus: Nur etwa 1,6 Prozent aller Verkäufe stammten aus dem Land der aufgehenden Sonne.
Ubisoft selbst bezeichnete die Performance in seinem verspäteten Geschäftsbericht als „overperforming“ und betonte, dass Shadows „in line with expectations“ abgeschnitten habe. Kritiker werfen dem Publisher jedoch Schönfärberei vor.
Strategie-Umbruch unter Côté's Führung
Côté hatte 2022 eine grundlegende Strategieänderung für die Serie angekündigt. Die Entwicklungszyklen sollten von durchschnittlich drei Jahren auf längere Perioden ausgedehnt werden, um Teams zu entlasten und nachhaltigere Produktionsbedingungen zu schaffen. Er stellte zwei parallele Entwicklungspfade vor: die Fortführung der RPG-Formel (Shadows) und einen „fresh and different“ Ansatz mit Assassin's Creed Hexe unter Regie von Clint Hocking.
Projekte wie der Multiplayer-Spin-off Invictus und das Mobile-AAA-Game Jade blieben bislang ohne Lebenszeichen. Ein Remake von Assassin's Creed IV: Black Flag wird für die kommenden Monate erwartet.
Ubisoft unter Druck
Die Vantage-Gründung fiel in eine schwierige Phase für Ubisoft. Der Publisher kämpft mit einer Serie enttäuschender Veröffentlichungen – zuletzt Star Wars Outlaws, das die internen Erwartungen verfehlte. Die Tencent-Investition brachte dringend benötigtes Kapital, während Ubisoft die kreative Kontrolle über das Joint Venture behielt.
Vantage Studios sollte die Entscheidungsfindung bei Flagship-Marken beschleunigen, technische Ressourcen bündeln und den Austausch zwischen Entwicklern und Spielern verbessern. Das Netzwerk vereint Studios in Barcelona, Quebec, Montreal, Sherbrooke und Sofia unter einer einheitlichen Führungsstruktur.
Für Ubisoft bedeutet der Rechtsstreit nicht nur ein finanzielles Risiko, sondern auch einen Reputationsverlust in einer Zeit, in der das Unternehmen ohnehin unter Beobachtung steht. Ob Côté's Klage vor Gericht Erfolg haben wird, bleibt abzuwarten. Eine Stellungnahme von Ubisoft oder Côté liegt bislang nicht vor.
