Über zwei Jahre lang warteten Tausende Kickstarter-Unterstützer vergeblich auf ihre physischen Exemplare von Chained Echoes. Jetzt zieht Solo-Entwickler Matthias Linda die Reißleine – und vor Gericht.
Sieben Jahre Entwicklung, ein preisgekröntes Spiel – und trotzdem kein Happy End für Sammler
Chained Echoes gilt als eine der größten Indie-Erfolgsgeschichten der letzten Jahre. Das 16-Bit-RPG im Stil klassischer SNES-Rollenspiele wurde über sieben Jahre hinweg größtenteils von einem einzigen Entwickler erschaffen: Matthias Linda aus Düsseldorf. Die Kickstarter-Kampagne startete im Februar 2019 und übertraf das Finanzierungsziel von 60.000 Euro deutlich – mehr als 4.500 Unterstützer brachten insgesamt rund 130.000 Euro zusammen, gut das Doppelte des ursprünglichen Ziels.
Nach dem digitalen Release im Dezember 2022 wurde Chained Echoes von der Fachpresse gefeiert. Auf Metacritic erreichte das Spiel einen Score von 90 und landete damit unter den fünf bestbewerteten Spielen des Jahres. 2023 gewann es außerdem den Deutschen Computerspielpreis in der Kategorie „Bestes Deutsches Spiel“. Die 30 bis 40 Stunden lange Geschichte auf dem kriegsgebeutelten Kontinent Valandis, das innovative Overdrive-Kampfsystem und die liebevoll gestaltete Pixelgrafik überzeugten Kritiker und Spieler gleichermaßen.
Doch während das Spiel digital längst ein Hit war, begann hinter den Kulissen ein Trauerspiel für alle, die sich eine physische Version gesichert hatten.
Über zwei Jahre Verspätung – und nur eine einzige Version geliefert

Für die Herstellung und den Vertrieb der physischen Editionen hatte Linda eine Partnerschaft mit dem deutschen Limited-Print-Publisher First Press Games (FPG) aus Erkrath geschlossen. Geplant waren insgesamt 14 verschiedene Produkte: Regular, Retro und Collector's Editions für PS4, Nintendo Switch und PC, dazu eine spezielle japanisch-thematisierte Switch-Version sowie ein CD-Soundtrack. Die Genehmigungen von Sony und Nintendo lagen laut einem Kickstarter-Update vom Juni 2024 bereits seit Ende 2023 vor.
Trotzdem passierte danach so gut wie nichts. In einem neuen Kickstarter-Update vom 11. März 2026 informierte Linda seine Unterstützer darüber, dass von den 14 angekündigten Produkten lediglich die reguläre PlayStation-4-Edition tatsächlich bei den Käufern angekommen ist. Alle anderen Versionen – darunter sämtliche Switch-Editionen und die begehrten Sammlereditionen – wurden nie ausgeliefert.
Linda beendet Zusammenarbeit und bereitet Klage vor
Die Geduld des Entwicklers ist nun am Ende. In seinem Kickstarter-Update erklärte Linda, dass er die Geschäftsbeziehung mit First Press Games beendet und eine Klage vorbereitet. Die Entscheidung sei nicht leichtfertig gefallen, sondern nach sorgfältiger Abwägung getroffen worden. Aus rechtlichen Gründen könne er derzeit keine weiteren Details nennen.
Für die betroffenen Kickstarter-Unterstützer bietet Linda zwei Optionen an. Wer weiterhin auf eine physische Edition hofft, kann abwarten – Linda sucht aktiv nach einem neuen Publisher, der die Produktion übernimmt. Allerdings warnt er, dass sich neue Exemplare möglicherweise erst nach Abschluss des Rechtsstreits herstellen lassen. Die zweite Option ist eine vollständige Erstattung. Dafür hat Linda eine eigene E-Mail-Adresse eingerichtet ([email protected]), an die Unterstützer ihren Namen, ihre Kickstarter-Backer-ID und einen Bestellnachweis senden können.
Wichtig: Auch wer seinen Kickstarter-Gutschein genutzt hat, um über den FPG-Store auf eine andere oder bessere Edition aufzugraden, wird entschädigt – vorausgesetzt, die ursprüngliche Bestellung war an die Kickstarter-Kampagne geknüpft. Wer hingegen unabhängig vom Kickstarter direkt bei First Press Games bestellt hat, kann derzeit keine Erstattung von Linda erhalten. Diese Käufer müssen sich anderweitig um eine Rückforderung bemühen.
First Press Games: Ein Unternehmen mit langer Problemhistorie

Die Schwierigkeiten mit First Press Games sind keineswegs auf Chained Echoes beschränkt. Der Limited-Print-Publisher steht seit Jahren in der Kritik. Zahlreiche Indie-Entwickler haben in der Vergangenheit öffentlich über ähnliche Erfahrungen berichtet: nicht geleistete Zahlungen, monatelanges Ghosting bei Anfragen und extreme Verzögerungen bei der Produktion.
Der Entwickler von Goodboy Galaxy beendete seinen Vertrag mit FPG Ende 2024 nach langer Funkstille und holte sich juristischen Beistand. Auch die Macher von Project Blue, Mindseize und POWA berichteten von vergleichbaren Problemen. Auf der Bewertungsplattform Trustpilot häufen sich Beschwerden von Kunden, die teilweise seit 2020 auf bezahlte Vorbestellungen warten und auf Erstattungsanfragen keine Antwort erhalten.
Die Vorbestellungsseite für Chained Echoes auf der FPG-Website war zum Zeitpunkt der Ankündigung nach wie vor aktiv – die Editionen kosten dort zwischen 50 und 354 US-Dollar und sind weiterhin als „Preorder“ gelistet.
Deck13 sprang bereits 2024 ein
Bereits im August 2024 hatte Chained-Echoes-Publisher Deck13 versucht, die Situation zu entschärfen. Allen Kunden, die vor Ende Juli 2024 eine physische Version über First Press Games vorbestellt hatten, wurde ein Steam-Key als Entschädigung für die Wartezeit angeboten. Diese Aktion sollte sicherstellen, dass zumindest digital niemand leer ausgeht – eine Lösung, die das eigentliche Problem aber natürlich nicht beseitigte.
Das Spiel bleibt ein Meilenstein – trotz aller Turbulenzen
Trotz des Dramas rund um die physischen Versionen bleibt Chained Echoes selbst ein herausragendes Spiel, das kontinuierlich weiterwächst. Im Sommer 2025 erschien mit Ashes of Elrant eine umfangreiche Erweiterung, die neue Gebiete und einen zusätzlichen spielbaren Charakter einführte. Digital ist das Spiel auf allen großen Plattformen verfügbar: PC (Steam, GOG), PlayStation 4/5, Xbox Series X/S und Nintendo Switch.
Die Community reagierte überwiegend unterstützend auf Lindas Ankündigung. In den Kommentaren auf Kickstarter drückten viele Unterstützer ihr Verständnis und ihre Solidarität aus. Der Tenor: Zorn auf First Press Games, Mitgefühl mit dem Entwickler, der sich als Einzelperson einer aufwendigen juristischen Auseinandersetzung stellen muss.
Wer Chained Echoes derzeit spielen möchte, sollte auf die digitalen Stores zurückgreifen. Ob und wann es jemals eine physische Edition abseits der PS4-Standardversion geben wird, hängt nun vom Ausgang des Rechtsstreits ab.
