Die Geburt einer Gaming-Serie – Am 20. August 2025 überraschte Game Science die Gaming-Welt während der Gamescom Opening Night Live mit der Ankündigung von Black Myth: Zhong Kui. Das chinesische Studio, das erst vor einem Jahr mit Black Myth: Wukong internationale Aufmerksamkeit erlangte, präsentierte damit den zweiten Teil seiner ambitionierten Black Myth-Serie – und bestätigte gleichzeitig, dass dies erst der Anfang einer größeren Vision ist.
Die Ankündigung kam für viele nicht völlig überraschend. Bereits am Morgen des gleichen Tages waren Trademark-Registrierungen aufgetaucht, die auf ein neues Projekt hindeuteten. Tatsächlich hatte Game Science bereits 2020 – lange vor dem Release von Wukong – mehrere Markennamen registriert, darunter „Black Myth: Zhong Kui“ und „Black Myth: Jiang Ziya“. Diese vorausschauende Planung zeigt, dass das Studio von Anfang an eine umfassende Serie im Sinn hatte, die verschiedene Aspekte der chinesischen Mythologie erkunden sollte.
Zhong Kui: Der Geisterjäger aus der chinesischen Mythologie
Während Sun Wukong, der Affenkönig, vielen westlichen Spielern durch verschiedene Adaptionen bereits bekannt war, ist Zhong Kui eine weniger vertraute, aber nicht minder faszinierende Figur aus der chinesischen Folklore. Bekannt als der „Geisterbezwinger“ oder „König der Geister“, ist Zhong Kui eine taoistische Gottheit, die traditionell als Beschützer gegen böse Geister und Dämonen verehrt wird.
Die Legende von Zhong Kui ist tragisch und inspirierend zugleich: Als brillanter Gelehrter bestand er die kaiserlichen Prüfungen mit Bestnoten, wurde jedoch aufgrund seines unattraktiven Äußeren vom Kaiser zurückgewiesen. Aus Verzweiflung über diese Ungerechtigkeit nahm er sich das Leben, indem er seinen Kopf gegen die Palasttore schlug. Im Jenseits erkannte der Höllenkönig Yan Wang sein Potenzial und ernannte ihn zum König der Geister mit der Aufgabe, die Lebenden vor bösen Geistern zu beschützen.
In der traditionellen Darstellung wird Zhong Kui als imposante, einschüchternde Gestalt mit wildem Bart, großen Augen und einem furchteinflößenden Gesichtsausdruck gezeigt. Er trägt oft eine Gelehrtenrobe und schwingt ein Schwert, mit dem er Dämonen jagt. Seine Macht ist beeindruckend – der Legende nach kann er über 80.000 Dämonen befehligen.
Ein Studio mit Vision: Game Science's Werdegang
Um die Bedeutung dieser Ankündigung zu verstehen, lohnt sich ein Blick auf die Geschichte von Game Science. Das Studio wurde 2014 von Feng Ji und Yang Qi gegründet, zwei ehemaligen Tencent-Mitarbeitern, die zuvor am MMO „Asura“ gearbeitet hatten – einem Spiel, das ebenfalls auf der Reise nach Westen basierte.
Die Gründung von Game Science war von einer klaren Vision geprägt: Spiele zu schaffen, die die Entwickler selbst bewegen und begeistern. Feng Ji's 2007 verfasster Artikel „Wer hat unsere Spiele ermordet?“ kritisierte bereits damals die kapitalgetriebenen Praktiken der Spieleindustrie, die Spieler wie „Vieh“ behandelten. Diese Philosophie prägt das Studio bis heute.
Anfangs musste sich Game Science mit Mobile Games über Wasser halten. Titel wie „100 Heroes“ und „Art of War: Red Tides“ sicherten das finanzielle Überleben, während das Team auf die richtige Gelegenheit für ein größeres Projekt wartete. Diese kam 2016, als Marktanalysen zeigten, dass ein Drittel der aktiven Steam-Nutzer aus China stammte – ein klares Signal für einen wachsenden Markt für Premium-Spiele.
Von Mobile zu AAA: Chinas Gaming-Transformation
Die Ankündigung von Black Myth: Zhong Kui ist Teil einer größeren Transformation der chinesischen Spieleindustrie. As of 2024, China accounts for more than 31% of global mobile gaming revenue, generating approximately $40 billion annually. Doch während Mobile Gaming weiterhin dominiert, zeigt sich ein klarer Trend hin zu ambitionierteren Projekten.
Der Erfolg von Black Myth: Wukong hat diese Entwicklung beschleunigt. Mit über 20 Millionen verkauften Exemplaren und Einnahmen von über 961 Millionen US-Dollar allein auf Steam hat das Spiel bewiesen, dass chinesische AAA-Produktionen auf dem Weltmarkt bestehen können. People's Daily, the Chinese Communist Party's official mouthpiece, stated that „game developers should use games to promote the nation's culture.“ Diese offizielle Anerkennung zeigt einen bemerkenswerten Wandel in der Haltung der Regierung gegenüber Premium-Spielen.
Die Black Myth-Serie: Eine Anthologie der chinesischen Mythologie
Mit Black Myth: Zhong Kui verfolgt Game Science einen faszinierenden Ansatz: Statt einer direkten Fortsetzung von Wukong erschafft das Studio eine Anthologie-Serie, in der jedes Spiel einen anderen mythologischen Helden in den Mittelpunkt stellt. Dieser Ansatz ermöglicht es, verschiedene Facetten der reichen chinesischen Mythologie zu erkunden und dabei unterschiedliche Gameplay-Stile zu entwickeln.
Die bereits registrierten Marken deuten auf die Richtung der Serie hin:
- Black Myth: Zhong Kui – Der Geisterjäger
- Black Myth: Jiang Ziya – Der legendäre Stratege aus der „Investitur der Götter“
- Weitere registrierte Namen wie „Black Myth: Shanhai“ und „Black Myth: Dahuang“ könnten auf Adaptionen des „Klassikers der Berge und Meere“ hindeuten
Entwicklungsstand und Herausforderungen
Game Science gibt offen zu, dass sich Black Myth: Zhong Kui noch in einem sehr frühen Entwicklungsstadium befindet. Das Studio beschreibt das Projekt selbstironisch als „little more than an empty folder at this stage“. Selbst Studiochef Feng Ji hat nach eigenen Angaben „absolutely no idea“ wann das Spiel erscheinen wird.
Diese Ehrlichkeit ist erfrischend in einer Industrie, die oft zu frühen und unrealistischen Ankündigungen neigt. Das Studio erklärt, dass es die Ankündigung am 20. August machte, weil dies ihre Tradition sei – jedes Jahr an diesem Datum geben sie ein Update zu ihren Projekten.
Die technischen Herausforderungen sind beträchtlich. Game Science musste für Black Myth: Wukong komplett auf die Unreal Engine umsteigen und das gesamte Team, einschließlich der Gründer, musste die neue Technologie von Grund auf erlernen. Für Zhong Kui wird das Studio vermutlich auf Unreal Engine 5 setzen, was weitere technische Möglichkeiten eröffnet, aber auch neue Herausforderungen mit sich bringt.
Was erwartet uns gameplay-technisch?
Obwohl konkrete Gameplay-Details noch fehlen, gibt Game Science einige Hinweise auf die Richtung des Projekts. Das Studio bestätigt, dass Black Myth: Zhong Kui wieder ein „standard single-player ARPG“ wird und dem gleichen Geschäftsmodell wie Wukong folgen wird.
Basierend auf Zhong Kuis mythologischer Rolle als Geisterjäger spekulieren Fans über mögliche Horror-Elemente. Die Vorstellung, durch düstere Umgebungen zu streifen und übernatürliche Bedrohungen zu bekämpfen, könnte dem Spiel eine ganz andere Atmosphäre als dem eher action-orientierten Wukong verleihen.
Das Studio betont, dass es „refreshing changes, create new things“ anstrebt, während es gleichzeitig aus den Erfahrungen mit Wukong lernt. Dies deutet darauf hin, dass Zhong Kui zwar die technische Exzellenz seines Vorgängers beibehalten, aber ein deutlich unterschiedliches Spielerlebnis bieten wird.
Die Bedeutung für die globale Gaming-Landschaft
Die Ankündigung von Black Myth: Zhong Kui ist mehr als nur die Enthüllung eines neuen Spiels – sie markiert einen Wendepunkt für die chinesische Gaming-Industrie. According to a 2023 report from Niko Partners, Chinese game companies already account for 39% of PC game revenue worldwide. Mit der Black Myth-Serie positioniert sich China nun auch im Premium-AAA-Segment als ernstzunehmender Akteur.
Diese Entwicklung hat weitreichende Implikationen:
- Kultureller Austausch: Westliche Spieler erhalten Zugang zu Geschichten und Mythologien, die ihnen bisher weitgehend unbekannt waren
- Technische Innovation: Chinesische Studios beweisen, dass sie technisch mit den etablierten westlichen und japanischen Studios mithalten können
- Marktverschiebung: Der Erfolg chinesischer AAA-Titel könnte die globale Gaming-Landschaft nachhaltig verändern
Die Zukunft der Black Myth-Serie
Mit der Ankündigung von Zhong Kui und den Andeutungen zu weiteren Projekten zeichnet sich ab, dass Game Science eine langfristige Vision verfolgt. Das Studio plant offenbar, die Black Myth-Serie zu einer Art Marvel Cinematic Universe der chinesischen Mythologie zu entwickeln – eine vernetzte Welt von Spielen, die jeweils eigenständige Geschichten erzählen, aber Teil eines größeren Ganzen sind.
Die Aussage „the westward journey won't end here“ deutet zudem darauf hin, dass auch Wukongs Geschichte noch nicht zu Ende erzählt ist. Möglicherweise wird es DLC oder sogar eine direkte Fortsetzung geben, parallel zur Entwicklung neuer Charaktere und Geschichten.
Herausforderungen und Chancen
Der Weg zum Erfolg wird nicht einfach. Die chinesische Gaming-Industrie steht vor mehreren Herausforderungen:
- Regulatorische Hürden: Die chinesische Regierung kontrolliert streng, welche Spiele veröffentlicht werden dürfen
- Kulturelle Barrieren: Nicht alle mythologischen Geschichten lassen sich problemlos für ein internationales Publikum adaptieren
- Technische Anforderungen: AAA-Entwicklung erfordert enorme Ressourcen und Expertise
Gleichzeitig bieten sich enorme Chancen. Der globale Appetit auf neue, frische Gaming-Erlebnisse ist groß, und die chinesische Mythologie bietet einen reichen Fundus an unerzählten Geschichten.
Fazit: Eine neue Ära beginnt
Black Myth: Zhong Kui mag sich noch in den frühesten Entwicklungsphasen befinden, aber die Ankündigung sendet ein klares Signal: Die chinesische Gaming-Industrie ist gekommen, um zu bleiben. Game Science hat mit Wukong bewiesen, dass sie Spiele von Weltklasse-Niveau produzieren können. Mit Zhong Kui und den geplanten weiteren Teilen der Serie wollen sie nun zeigen, dass dies kein Einzelerfolg war.
Für Spieler weltweit eröffnet sich damit eine aufregende Perspektive: Eine ganze Serie von AAA-Spielen, die neue Geschichten erzählen, unbekannte Mythologien erkunden und dabei technisch auf höchstem Niveau agieren. Die Black Myth-Serie könnte das werden, was viele seit Jahren fordern – frische, innovative Spielerlebnisse abseits ausgetretener westlicher Pfade.
Die Gaming-Welt blickt gespannt auf Game Science. Mit Black Myth: Zhong Kui schreibt das Studio nicht nur das nächste Kapitel seiner eigenen Erfolgsgeschichte, sondern möglicherweise auch ein neues Kapitel in der Geschichte des globalen Gaming. Die Reise mag noch lang sein, aber wenn Wukong uns eines gelehrt hat, dann dass Game Science die Vision, das Talent und die Entschlossenheit besitzt, Außergewöhnliches zu schaffen.
Die Frage ist nicht mehr, ob chinesische Studios AAA-Spiele produzieren können – die Frage ist, wie sie die Zukunft des Gaming mitgestalten werden. Mit Black Myth: Zhong Kui nimmt diese Zukunft langsam Gestalt an.