Assassin’s Creed Mirage DLC Kontroverse: Saudi-Arabien, AlUla und Menschenrechte

Überraschende Ankündigung sorgt für Diskussionen – Fast zwei Jahre nach der Veröffentlichung von Assassin's Creed Mirage kündigte Ubisoft im August 2025 überraschend einen kostenlosen DLC an. Die Erweiterung, die Spieler in die antike Stadt AlUla im heutigen Saudi-Arabien führen soll, hat jedoch nicht nur für Begeisterung gesorgt. Die Umstände der Ankündigung und die Verbindung zu Saudi-Arabien haben eine heftige Kontroverse ausgelöst, die weit über die Gaming-Community hinausreicht.

Die umstrittene Ankündigung

Die Ankündigung des neuen Inhalts erfolgte zu einer ungewöhnlichen Zeit – um 4 Uhr morgens mitteleuropäischer Zeit während der Global Sport Conference in Riad, der Hauptstadt Saudi-Arabiens. Ubisofts CEO Yves Guillemot präsentierte persönlich die Pläne für die Erweiterung, die in der UNESCO-Welterbestätte AlUla spielen soll. Diese zeitliche und örtliche Koordinierung war kein Zufall: Die Ankündigung fiel mit Guillemots Besuch in Saudi-Arabien zusammen, der im Rahmen diplomatischer Gespräche zwischen Frankreich und dem Königreich stattfand.

AlUla: Eine UNESCO-Stätte mit reichem kulturellem Erbe

AlUla ist eine antike Oasenstadt im Nordwesten Saudi-Arabiens mit einer über 7.000 Jahre alten Geschichte. Die Region beherbergt Hegra (auch bekannt als Madain Salih), Saudi-Arabiens erste UNESCO-Welterbestätte. Diese 2.000 Jahre alte archäologische Stätte war einst Teil des nabatäischen Königreichs – derselben Zivilisation, die auch Petra in Jordanien erbaute. Mit seinen 111 monumentalen, in Sandsteinfelsen gehauenen Gräbern und seiner Bedeutung als Handelsposten auf der antiken Weihrauchstraße bietet AlUla zweifellos ein faszinierendes historisches Setting für ein Videospiel.

Die Finanzierung wirft Fragen auf

Bereits im Januar 2025 berichtete die französische Wirtschaftszeitung Les Échos über Pläne einer Zusammenarbeit zwischen Ubisoft und dem saudi-arabischen Public Investment Fund (PIF). Die Savvy Games Group, eine Tochtergesellschaft des PIF, sollte demnach die Entwicklung einer Assassin's Creed Mirage-Erweiterung finanzieren. Diese Berichte wurden zunächst weder bestätigt noch dementiert, doch die spätere Ankündigung eines kostenlosen DLCs mit Schauplatz in Saudi-Arabien schien diese Vermutungen zu bestätigen.

Interne Bedenken bei Ubisoft

Die Kontroverse beschränkte sich nicht nur auf externe Kritiker. Laut einem Bericht von GameFile äußerten Ubisoft-Mitarbeiter in einer internen Fragerunde ernsthafte Bedenken über die Zusammenarbeit. Ein Mitarbeiter fragte das Management direkt, ob sie befürchteten, dass eine Partnerschaft mit Saudi-Arabien nach der Ermordung des Journalisten Jamal Khashoggi dem Ruf des Unternehmens schaden könnte.

Die Unternehmensführung verwies in ihrer Antwort darauf, dass Guillemots Besuch in Saudi-Arabien Teil der diplomatischen Bemühungen des französischen Präsidenten Emmanuel Macron gewesen sei. Später betonte Ubisoft gegenüber Medienvertretern, dass man die vollständige kreative Kontrolle über das Projekt behalte und die Entwicklung durch die Unterstützung „lokaler und internationaler Organisationen“ sowie den Zugang zu Experten und Historikern ermöglicht werde.

Der Schatten der Menschenrechtslage

Die Kritik an der Zusammenarbeit ist vor dem Hintergrund der Menschenrechtslage in Saudi-Arabien zu verstehen. Die Ermordung des Washington Post-Journalisten Jamal Khashoggi im saudi-arabischen Konsulat in Istanbul im Oktober 2018 gilt als besonders gravierender Fall. Ein UN-Bericht kam 2019 zu dem Schluss, dass Khashoggi Opfer einer „vorsätzlichen außergerichtlichen Hinrichtung“ wurde, für die der Staat Saudi-Arabien verantwortlich sei. US-Geheimdienste bestätigten, dass Kronprinz Mohammed bin Salman die Operation gebilligt hatte.

Human Rights Watch und andere Menschenrechtsorganisationen kritisieren weiterhin die „miserable Menschenrechtsbilanz“ des Königreichs, einschließlich willkürlicher Verhaftungen, Folter und der Unterdrückung von Meinungsfreiheit. Im Juli 2023 wurde beispielsweise ein pensionierter Lehrer wegen kritischer Tweets zum Tode verurteilt.

Saudi-Arabiens Gaming-Offensive

Die mögliche Finanzierung des Assassin's Creed Mirage DLCs ist Teil einer umfassenderen Strategie Saudi-Arabiens, sich als globales Zentrum für Gaming und E-Sports zu etablieren. Der PIF hat über seine Tochtergesellschaft Savvy Games Group bereits 38 Milliarden US-Dollar für Investitionen in die Gaming-Branche bereitgestellt. Das Königreich besitzt bedeutende Anteile an Unternehmen wie Nintendo (8,3%), Electronic Arts (9,2%) und Take-Two Interactive (6,7%).

Diese Investitionen sind Teil der Saudi Vision 2030, die eine wirtschaftliche Diversifizierung weg vom Öl anstrebt. Bis 2030 soll die Gaming-Industrie 13,3 Milliarden US-Dollar zur saudi-arabischen Wirtschaft beitragen und 39.000 Arbeitsplätze schaffen.

Sportswashing oder kultureller Austausch?

Kritiker sehen in den massiven Investitionen Saudi-Arabiens in Sport, E-Sports und Gaming eine Form des „Sportswashing“ – den Versuch, durch prestigeträchtige Projekte von Menschenrechtsverletzungen abzulenken und das internationale Image des Landes zu verbessern. Diese Strategie umfasst auch die Ausrichtung von Großveranstaltungen wie dem Esports World Cup in Riad mit einem Preispool von über 60 Millionen US-Dollar.

Befürworter argumentieren hingegen, dass solche Partnerschaften kulturellen Austausch fördern und wirtschaftliche Chancen schaffen können. Sie verweisen auf die archäologische und historische Bedeutung AlUlas und das Potenzial, diese einem globalen Publikum zugänglich zu machen.

Die Gaming-Industrie in der Zwickmühle

Für die angeschlagene E-Sports- und Gaming-Industrie stellen die saudi-arabischen Investitionen ein Dilemma dar. Nach Jahren finanzieller Schwierigkeiten und massiven Entlassungen in den Jahren 2023 und 2024 bietet Saudi-Arabien dringend benötigtes Kapital. Viele Unternehmen stehen vor der Wahl: saudi-arabisches Geld annehmen oder möglicherweise ihre Existenz riskieren.

Ubisofts Position

Ubisoft betont weiterhin, die vollständige kreative Kontrolle über den DLC zu behalten. Das Unternehmen hebt hervor, dass die Zusammenarbeit mit Archäologen und Historikern eine „authentische und genaue“ Darstellung der historischen Stätte gewährleisten soll. Guillemot beschrieb AlUla als UNESCO-Stätte, die „noch nicht sehr bekannt“ sei, und betonte das Bildungspotenzial des Projekts.

Ausblick

Der kostenlose DLC soll noch 2025 erscheinen und neben neuen Story-Kapiteln und Missionen in AlUla auch Gameplay-Verbesserungen für das Hauptspiel bringen. Assassin's Creed Mirage wurde kürzlich in den Xbox Game Pass aufgenommen, was das Timing für neuen Content günstig erscheinen lässt.

Die Kontroverse um den AlUla-DLC wirft grundsätzliche Fragen über die Verantwortung von Spieleentwicklern und die Grenzen internationaler Zusammenarbeit auf. Während die einen in dem Projekt eine Chance sehen, eine faszinierende historische Stätte einem breiten Publikum nahezubringen, sehen andere darin eine problematische Normalisierung eines autoritären Regimes.

Die Gaming-Community und die Öffentlichkeit werden genau beobachten, wie Ubisoft mit dieser heiklen Balance umgeht und ob das finale Produkt den versprochenen historischen und kulturellen Wert liefern kann, ohne dabei die berechtigten Bedenken über Menschenrechtsverletzungen zu ignorieren.

Fazit

Der Assassin's Creed Mirage AlUla-DLC steht exemplarisch für die zunehmenden ethischen Herausforderungen in der globalisierten Gaming-Industrie. Während Saudi-Arabien seine Vision 2030 vorantreibt und massive Investitionen in den Entertainment-Sektor tätigt, müssen Unternehmen wie Ubisoft schwierige Entscheidungen zwischen wirtschaftlichen Chancen und moralischen Verpflichtungen treffen. Die Reaktion der Gaming-Community auf diesen DLC könnte wegweisend für zukünftige Partnerschaften zwischen westlichen Spieleentwicklern und kontroversen Investoren sein.

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